Heute regiert in Argentinien ein Präsident im Elvis-Look, mit Kettensäge und markigen Worten. Ein harter Kontrast: Vor 50 Jahren übernahmen rechte Militärs. Ihre Spezialität: Folter und Abwurf Oppositioneller ins Meer.
Text: Alexander Brüggemann (KNA) | Symbolbild: Markus Matzel/Adveniat
Immer dienstags wurde entschieden, wer weiterleben durfte. Mittwochs, am Tag nach der Sitzung, hieß es antreten. Den Kandidaten teilte man mit, sie würden in ein sicheres Gefängnis im Süden verbracht. Sie bekamen vermeintliche „Vitaminspritzen“, schliefen ein und wurden über dem offenen Meer aus dem Flugzeug geworfen: zu Dutzenden, Hunderten, Tausenden.
Und das ganze fand in Farbe statt, nicht etwa in Schwarzweiß: Die Rede ist nicht von finsteren Nazi-Schergen, sondern von Argentinien, vor gar nicht allzu langer Zeit. Während der Militärdiktatur (1976-1983), die vor 50 Jahren, am 24. März, mit einem Putsch begann, verschwanden systematisch bis zu 30.000 Bürger in landesweit rund 500 Folterzentren. Sie wurden misshandelt, viele getötet; im Namen einer „Ordnung“, die niemand wirklich wünschen kann.
Seit dem Putsch gegen die Regierung von Staatspräsidentin Isabel Perón führte General Jorge Videla (1925-2013) mit seiner Militärjunta einen Kampf gegen das, was sie eine „marxistische Unterwanderung“ nannten. Den Perónismus machten sie für Gewalt und grassierendes Chaos im Land verantwortlich. Videla und seine Junta setzten dagegen einen Staatsterrorismus von rechts.
Dazu gehörte auch eine Kultur des „Verschwindenlassens“ von Tausenden Oppositionellen, die Argentinien international berüchtigt machte – obwohl die Junta das nie öffentlich einräumte. Nächtliche Abholaktionen, Folter, Verschwindenlassen. Als „Reinigungsprozess“ wurde das bezeichnet.
Die katholische Kirche in Argentinien spielte dabei eine eher unrühmliche Rolle. Dem brutalen Kurs der Junta stimmten nicht wenige Bischöfe zu. An manchen Aktionen waren sogar Geistliche beteiligt. Argentiniens Bischofskonferenz erklärte am 15. Mai 1976, es wäre zu einfach, „wenn man wollte, dass Sicherheitskräfte mit der gleichen chemischen Reinheit agierten wie in Friedenszeiten“. Da das Land eine tiefe Krise durchlebe, könnten nicht dieselben Maßstäbe gelten. – Das war, kaum verhohlen, ein Persilschein für Menschenrechtsverbrechen der Obrigkeit.
Aber auch viele Kirchenvertreter gerieten ins Visier von staatlich beauftragten Mördern: jene „Linken“, die sich für die Belange der Unterdrückten einsetzten. Im August 1976 wurde der Bischof von La Rioja, Enrique Angelelli, beseitigt, ermordet. Auch die Rolle des späteren Papstes Franziskus (2013-2025) als damaliger Regionaloberer der Jesuiten bei der Verhaftung zweiter Mitbrüder ist breit diskutiert worden.
Nur wenige kamen frei
Zum berüchtigtsten von rund 500 Folterzentren des Landes wurde die „Escuela de Mecánica de la Armada“ (ESMA), bis 2003 Technikerschule der argentinischen Flotte. Bis heute stehen auf dem 17 Hektar großen Gelände die Überwachungstürme, von denen aus die ankommenden PKW mit den Verschleppten kontrolliert wurden. Die Entmenschlichung begann schon mit der Nummernvergabe: 000 bis 999 statt eines Namens. Niemand weiß, wie oft dieses dreistellige System durchlief; fünfmal wahrscheinlich. 5.000 Seelen in den Händen von Folterknechten.
Elektroschocks erhielten die Häftlinge, wie Überlebende später berichteten; sie sahen nie das Licht, mit Fußfesseln und einer Kapuze über dem Kopf. Die Folterer drückten ihnen Zigaretten auf der Haut aus. Das Essen war ekelhaft – und immer die Schreie der anderen. Quälen bis zur Bewusstlosigkeit; Medizin diente zur Reanimation, um weitere Folter zu ermöglichen. Eine Schwangerschaft in Folterhaft war ein sicheres Todesurteil. Eine Woche verblieb die Mutter beim Neugeborenen, dann wurde sie abgeworfen.
Nur 200 der 5.000 Todeskandidaten der ESMA wurden wieder freigelassen, vermutlich, um die Nachricht über das Grauen dosiert in der Bevölkerung zu streuen. Warum Adolfo Pérez Esquivel überlebte, darüber kann man nur spekulieren. Der heute 94-jährige Friedensnobelpreisträger selbst sagte einmal der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA): „Die internationale Solidarität hat mir das Leben gerettet – und das Gebet.“ Menschenrechtler und kirchliche Organisationen weltweit hatten sich für Pérez eingesetzt.
Die Junta hatte ihn verhaftet und über Monate in eine dunkle Zelle gesperrt. Als er an jenem 5. Mai 1977 gefesselt in ein Flugzeug verfrachtet wurde, wusste er, was die Stunde geschlagen hatte. In Genf hatte er die Fotos von Leichen gesehen, die an der Küste Uruguays angeschwemmt wurden; argentinische Dissidenten, abgeworfen über dem Río de la Plata. Das Flugzeug kreiste – doch dann die Wende: Rückflug und weitere 32 Tage in einer Zelle, an deren Wand ein Vorgänger mit seinem eigenen Blut geschrieben hatte.
Dabei war man dem Regime durchaus auf der Spur. 1979, ein Jahr nach der so freundlich inszenierten Fußball-WM in Argentinien, besuchte die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH) die ESMA. Die hektischen Umbauten, die Zeugenaussagen über die Räumlichkeiten ad absurdum führen sollten, sind bis heute zu sehen. Ständig wurden Mauern versetzt, Zimmer- und Zellennummern variiert, um Widersprüche zu erzeugen.
Draußen, auf den Straßen, wussten viele von den blutigen Machenschaften, diffus; aber man sprach nicht darüber. Eine eingeschüchterte Gesellschaft. Eine Gruppe allerdings ließ sich nicht einschüchtern: die Mütter, bald auch die Großmütter der Verschwundenen. Seit 1977 umrunden sie jede Woche aus Protest die Plaza de Mayo, den Platz vor dem Präsidentenpalast in Buenos Aires.







