Das Geld für Entwicklungszusammenarbeit wird immer knapper. Der Chef des katholischen Hilfswerks Misereor, Andreas Frick, erklärt, warum sich Deutschland dennoch weiter in Ländern wie Kamerun engagieren sollte.
Text und Bild: Katrin Gänsler (KNA)
Nicht nur die USA, auch europäische Länder wollen bei der Entwicklungszusammenarbeit sparen. Für Andreas Frick, Hauptgeschäftsführer des Hilfswerks Misereor, ist das ein falsches Signal. Im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) sagt er, warum es wichtig bleibt, etwa in Kamerun in Ausbildung und lokale Strukturen zu investieren. Das afrikanische Land steht im Mittelpunkt der kirchlichen Fastenaktion 2026.
Frage: 2025 war gekennzeichnet durch drastische finanzielle Rückgänge in der Entwicklungszusammenarbeit. Wie haben Sie das erlebt?
Andreas Frick: Das Jahr 2025 ist für Misereor sehr herausfordernd gewesen. Die vorgezogene Bundestagswahl hat zu einem besonders späten Bundeshaushalt 2025 erst im September geführt; für die neue Bundesregierung haben Maßnahmen an der Infrastruktur und Verteidigungsausgaben Priorität. Die wichtige internationale Solidarität ist hingegen deutlich gekürzt worden. Das kritisieren wir.
Frage: Lassen sich Kürzungen noch ausgleichen?
Frick: Wir schätzen die Zusammenarbeit mit Bundesministerien, dürfen und wollen aber nicht abhängig sein von jährlichen und mittelfristigen Debatten um Bundeshaushaltsmittel. Angesichts der zunehmenden Not in der Welt gilt für Misereor: Wir wollen weiterhin verlässlicher Partner für unsere rund 1.700 Partnerorganisationen sein und werden uns so aufstellen, dass wir durch Spenden und Erbschaften handlungsfähig bleiben.
Besonders benachteiligten Menschen solide Ausbildung ermöglichen
Frage: Nun rückt die Fastenaktion 2026 junge Menschen in Kamerun in den Mittelpunkt. Warum ist das wichtig?
Frick: Das Durchschnittsalter der Bevölkerung beträgt dort 19,4 Jahre. Kamerun ist jung und dynamisch, hat aber eine gigantische Jugendarbeitslosigkeit. Selbst Absolventinnen und Absolventen von Hochschulen kommen zu einem großen Teil nur im informellen und damit ungesicherten Arbeitssektor unter. Über 40 Jahre Diktatur und eine von vielen beschriebene Korruption der öffentlichen Hand hindern die Menschen an einer gerechten Teilhabe: Sie profitieren nicht von Erfolgen in Handel und Handwerk, ihrer guten Bildung und dem großen Potenzial, das dieses sehr fruchtbare Land hat.
Wenn Familien zerbrechen oder Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, führt das häufig zu prekären Situationen
Misereor-Hauptgeschäftsführer Andreas Frick
Frage: Wenn schon für gut ausgebildete Kräfte der Start ins Berufsleben schwierig ist, wie ist er dann erst für Benachteiligte?
Frick: Wenn Familien zerbrechen oder Menschen aus ihrer Heimat fliehen müssen, führt das häufig zu prekären Situationen. Kinder nehmen nur unregelmäßig am Schulunterricht teil, leben in armseligen Hütten und müssen tagsüber an den Straßen Dinge verkaufen, um zum Familieneinkommen beizutragen – eine große Hypothek für den Rest ihres Lebens.
Diese besonders benachteiligten Menschen auf dem Weg zu einer soliden Ausbildung zu begleiten, hat uns zum diesjährigen Motto unserer Fastenaktion geführt: Hier fängt Zukunft an! Im Rahmen der Programme der Partnerorganisationen werden junge Menschen an Lehrbetriebe vermittelt; andere werden bestärkt, selbst Start-ups zu gründen und so Ausbildungsstätten zu schaffen. Auch werden sie vernetzt und begleitet. Wir haben hier sehr hoffnungsvolle Menschen kennengelernt, die ihren Lebensunterhalt verdienen und Familien gründen können.
Frage: Warum setzen Sie bewusst auf die Förderung kleiner Strukturen und Kleinunternehmertum?
Frick: Für ein selbstverantwortetes Leben braucht es nachhaltige Bildung und Klein-Wirtschaft im Handwerk, in Dienstleistungen und Agrar-Projekten. Ansonsten werden Menschen viel abhängiger von regionalen Klimaschwankungen, Naturkatastrophen und dem Versagen politischer Systeme. Kleine Betriebe sind in Ländern wie Kamerun prägend für die regionale Wirtschaft. Wenn wir sie stärken, schaffen wir unmittelbar Einkommen, Stabilität und Perspektiven. Kleine Strukturen sind zudem resilient: Sie funktionieren auch dann noch, wenn staatliche Unterstützung fehlt oder politische Unsicherheiten bestehen. Und sie bleiben in den Gemeinden verankert – das bedeutet, dass das erworbene Wissen, die Wertschöpfung und die Arbeitsplätze vor Ort bleiben.
Frage: Was kann es bewirken, wenn Länder wie Kamerun durch internationale Initiativen mehr in der Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden?
Frick: In Kamerun haben wir die Vorfreude auf einen möglichen Papstbesuch noch in den kommenden Monaten erlebt. Diktaturen und korrupte Staatswesen fürchten internationales Aufsehen. Das Benennen von Versagen der öffentlichen Hand wie die internationale Einforderung von demokratischen Versprechen schaffen den Menschen im Globalen Süden Raum für Beteiligung, gerechtere Löhne, bessere Infrastruktur.
Weltweites Netzwerk beleben
Frage: Wird Entwicklungszusammenarbeit noch zu sehr von Nord nach Süd gedacht?
Frick: Wer langfristig denkt und wirkungsvolle internationale Zusammenarbeit verstanden hat, denkt in beide Richtungen: Was kann der Norden der Welt dem Süden solidarisch anbieten? Was kann der Süden dem Norden geben? – Mut, Hoffnung, Lebensfreude und Lösungsorientierung sowie viele junge Talente.
Frage: Was bedeutet das praktisch, etwa bei Handelsabkommen und dem Zugang zum europäischen Arbeitsmarkt?
Frick: Eine bessere Zusammenarbeit auf der Ebene von Fachkräften, klug bemessene Reiseerleichterungen durch qualifizierte Visa und Handelsabkommen, die nicht einseitig aus der Position der wirtschaftlichen Stärke aus dem Norden durchgesetzt wurden, werden eine gute Wirkung auf unsere alt gewordenen Kontinente haben.
Frage: Die Fastenaktion wird in Hofheim am Taunus, rund 5.000 Kilometer nördlich von Kamerun, eröffnet. Warum ist es für Menschen in Deutschland trotzdem wichtig, sich mit Kamerun und der jungen Bevölkerung zu beschäftigen?
Frick: Wer zwischendurch nicht mehr sieht, wie es weltweit friedlich weitergehen soll, wie die großen Probleme der Welt konstruktiv gelöst werden können, dem empfehle ich den Blick in die hoffnungsvollen Augen der jungen Menschen, denen wir begegnet sind. Einige werden zu Gast in Deutschland sein. Hier gelingt die Belebung eines weltweiten Netzwerkes, an dem viele beteiligt sind und mitwirken können: in Kamerun – und eben auch in Deutschland.
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