Spaziergänge im Flussbett, Mammutskelette im Schlamm: Der vergangene Sommer bleibt in Mitteleuropa für die beispiellose Donau-Dürre in Erinnerung. Wird das der neue Normalzustand?
Text und Bild: Markus Schönherr/KNA
Bratislava: In Jacken gehüllt laufen Jogger gegen den eisigen Wind an, der Herbstmorgen lässt sie frösteln. Neben der Promenade fließt wie eh und je die Donau – und lässt die Bilder des zurückliegenden Dürre-Sommers in Vergessenheit geraten. Ein Trugschluss, warnt Birgit Vogel. Sie ist Geschäftsführerin der Internationalen Kommission zum Schutz der Donau (ICPDR) mit Sitz in Wien. Sie weiß: „Es ist noch nicht vorbei.“
Schiffswracks, die nach Jahrzehnten unter Wasser wieder ihre rostigen Rümpfe in den Himmel strecken. Familien, die in ausgetrockneten Seitenarmen der Donau spazieren. Kreuzfahrtpassagiere, die wegen Niedrigwassers auf den Bus umsteigen müssen. Es waren Bilder, die den Sommer 2026 in Europa prägten. Bei Vogel, der erfahrenen Expertin für Gewässermanagement, löste der Anblick Erinnerungen aus: an ihre Arbeit in Indien, Südostasien und Afrika.
Zwar gab es auch entlang der Donau, dem zweitlängsten Fluss Europas nach der Wolga, 2018 und 2022/23 verstärkte Trockenphasen. Den vergangenen Sommer mit Temperaturrekorden und fehlendem Niederschlag bewertet Vogel jedoch als „Extremereignis, wie wir es bisher noch nicht hatten“.
Nicht nur den Menschen habe das Klima viel abverlangt, sagt Vogel. „Unter Stress“ sei auch der Lebensraum Donau geraten: „Zu dem Wasserstand, der Teile der Laichgebiete betrifft, kommt die hohe Wassertemperatur hinzu, die Auswirkungen auf den Sauerstoffgehalt hat. Das ist ein Problem für Pflanzen und Tiere.“
Bei der Donauschutzkommission, die 14 Anrainer- und Nachbarstaaten und die EU vereint, betrachtet man den Fluss in seinen unterschiedlichen Aspekten. Neben der Umwelt litten laut Vogel beispielsweise Mitteleuropas Wirtschaft und die Energiesicherheit. Ungarn und Rumänien mussten mangels Kühlwassers ihre Kernkraftwerke herunterfahren. Viele Lastkähne konnten wegen der geringen Pegelstände nur ein Viertel ihrer gewohnten Ladung transportieren.
Konflikte nicht ausgeschlossen
Vogel vergleicht die Auswirkungen mit jenen von Überschwemmungen: „Wirtschaftliche Schäden durch Dürren sind üblicherweise sehr hoch. Man nimmt sogar an, noch höher als bei Hochwasserereignissen.“ Länder wie Ungarn und die Slowakei müssen sich obendrein Gedanken über ihre Trinkwasserversorgung machen.
Praktisch als Nebensächlichkeit erscheinen die Geschenke, die der Strom in den vergangenen Wochen Historikern machte: Das Niedrigwasser brachte Weltkriegsschiffe samt Munition und die sterblichen Überreste zweier Wehrmachtssoldaten zutage, einen römischen Altar, eine antike Brücke, selbst Mammutknochen. Für die Flussexpertin Vogel keine allzu große Überraschung: „Ich sehe jeden großen Fluss als eine Zeitkapsel.“
Wie die Donau sich verändert, so auch die internationale Kommission, die sich in der Wiener UN-Zentrale mit ihm befasst. Ging es in den drei Jahrzehnten seit Gründung vor allem um den grenzüberschreitenden Schutz des Lebensraums, um die Verbesserung der Wasserqualität und nachhaltige Nutzung, so rückt mit dem Klimawandel zunehmend der Erhalt des Flusses selbst in den Fokus. Unter der Österreicherin Vogel, die als erste Frau an der Spitze der ICPDR steht, könnte der Organisation eine wichtige Reform bevorstehen.
Zwar kann man laut Vogel nicht vorhersehen, ob auch die nächsten Sommer Ausnahme-Dürren bringen. „Aber die Wahrscheinlichkeit ist gestiegen und steigt weiter. Das heißt, wir werden uns an etwas gewöhnen müssen, was wir vorher für abnormal gehalten haben.“ Schon jetzt arbeiten die Vertragsländer der ICPDR an sogenannten Retentionsmaßnahmen: „Das heißt, das Wasser in der Landschaft zu halten, wenn Wasser da ist, damit es in Dürrezeiten zur Verfügung steht“, sagt Vogel. Sie verweist etwa auf Auen und Seitenarme.
Und noch eine Aufgabe könnte die ICPDR in naher Zukunft fordern – auch wenn Vogel diplomatisch zurückhaltend darauf zu sprechen kommt: die Politik. Denn wo Zentimeter über die Weiterfahrt von Schiffen, über die Abschaltung von Kraftwerken und somit über Wohlstand und Sicherheit von Ländern entscheiden, ist Konflikt nicht weit entfernt.
Bereits im zurückliegenden Sommer wurden in Ungarn Vorwürfe laut, Österreich und die Slowakei hielten Wasser zurück. Ob es in Europa gar zu einem Krieg um die Ressource Wasser kommen könnte, wurde Vogel zuletzt in einem Interview gefragt. Die Expertin stellt klar: „Solange es Kooperationswillen gibt und Organisationen wie unsere, wo transparent Information geteilt wird, würde ich das als unwahrscheinlich einstufen.“






