Flagge von Brasilien Bild: Nicole Cronauge/Adveniat

Bischöfe in Brasilien fordern nach Wahl mehr Dialog und Gerechtigkeit

Der linksgerichtete Lula da Silva bleibt Präsident Brasiliens. Die katholischen Bischöfe gratulieren – mahnen aber auch zum Einsatz für sozialen Frieden und Zusammenhalt. Dafür bieten sie ihre Zusammenarbeit an.

Nach der Wiederwahl von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva haben Brasiliens katholische Bischöfe die künftige Regierung zu politischem Dialog und sozialer Verantwortung aufgerufen. In einer am Montag (Ortszeit) veröffentlichten Botschaft an den linksgerichteten Staatschef und seinen ebenfalls wiedergewählten Vizepräsidenten gratulierte die Bischofskonferenz CNBB zum Wahlsieg. Sie mahnte aber zugleich, die gesellschaftliche Polarisierung zu überwinden.

Lula hatte die Stichwahl am Sonntag mit 51,75 Prozent der Stimmen gegen den rechtsgerichteten Senator Flavio Bolsonaro, der 48,25 Prozent erhielt, gewonnen. Er steht damit vor einer vierten Amtszeit und muss sich einem konservativ dominierten Kongress sowie erheblichen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen stellen.

Die Wahl sei beendet, doch bleibe die Aufgabe, „die Einheit des Landes zu bewahren und die Wege des Dialogs, des Vertrauens und des geschwisterlichen Zusammenlebens unter den Brasilianern wieder aufzubauen“, erklärte dazu die CNBB. „Brasilien braucht konkrete Zeichen der Befriedung, des Respekts vor Unterschieden und der Wertschätzung demokratischer Institutionen.“

In ihrer Botschaft betonen die Bischöfe, der Erfolg eines Landes dürfe nicht allein an wirtschaftlichen Kennzahlen gemessen werden. Entscheidend sei auch, ob Menschen am Rand der Gesellschaft Zugang zu grundlegenden Rechten und menschenwürdigen Lebensbedingungen erhielten. Die CNBB forderte eine Stärkung der demokratischen Institutionen, die Achtung der Verfassung sowie den Kampf gegen Korruption und Gewalt.

In Richtung aller gewählten Amtsträger erinnerte die Bischofskonferenz in einer gesonderten Botschaft an die Verantwortung gegenüber der gesamten Bevölkerung – darunter auch den Menschen, die für andere Kandidaten gestimmt hatten. Zu den zentralen Aufgaben zählten die Überwindung von Armut und Hunger, der Abbau sozialer Ungleichheit, menschenwürdige Arbeit sowie der Zugang zu Gesundheit, Bildung und Wohnraum.

Die Bischöfe bekräftigten ihre Bereitschaft, den gesellschaftlichen Dialog in Brasilien konstruktiv zu begleiten. Ihr Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Solidarität gründe auf ihrem christlichen Auftrag und sei nicht mit einer parteipolitischen Bindung gleichzusetzen.

Hilfswerke erleichtert

Der Ausgang der Präsidentenstichwahl in Brasilien ist von katholischen Hilfswerken mit großer Erleichterung aufgenommen worden. „Gewinnerinnen und Gewinner sind Frauen, Indigene, Arme, Natur und Demokratie“, erklärte der Hauptgeschäftsführer des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat, Martin Maier, am Montagmorgen. Das Entwicklungshilfswerk Misereor beruft sich auf Partnerinnen und Partner vor Ort, die „voller Freude“ seien. Gleichzeitig weisen die Organisationen darauf hin, dass die kommenden Jahre dennoch herausfordernd werden, da in beiden Kammern des Parlaments künftig konservative bis rechtsextreme Parteien die Mehrheit halten.

„Gewonnen hat Lula da Silva im Endspurt sicherlich, weil er deutliche Verbesserungen zugunsten der Armen angekündigt hatte“, vermutete Maier. Der Ordensmann und Adveniat-Chef zeigte sich zuversichtlich, dass der alte und neue Präsident seinen Ankündigungen auch Taten folgen lässt: „Denn in den vergangenen vier Jahren hatte Lula da Silva bereits eine mehr an den Bedürfnissen gesellschaftlich benachteiligter Gruppen und dem Schutz der Umwelt ausgerichtete Politik dem Bolsonarismus entgegengesetzt.“

Zudem sei mit Lulas Wahlsieg die Hoffnung verbunden, dass die Abholzung des Amazonas-Regenwaldes weiter zurückgeht. Zwischen August 2025 und Juli 2026 sind in Brasilien weniger als 3.000 Quadratkilometer Wald vernichtet worden – der tiefste Stand seit 1988. Bis 2030 will Lula die Abholzung sogar auf null senken. Dabei brauche er die Unterstützung der Weltgemeinschaft, mahnte Maier. Es sei höchste Zeit, dass sich Bundesregierung und EU klar positionieren und „die Verteidigerinnen und Verteidiger von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Minderheiten in Lateinamerika systematisch schützen“.

Misereor sieht in Lulas Sieg ein Bekenntnis des Landes zur Demokratie. Für Projektpartner vor Ort habe viel auf dem Spiel gestanden. Die meisten von ihnen seien nun aber erleichtert, dass Lulas moderate Politik fortgeführt werde.

Gleichzeitig warnen Adveniat und Misereor, dass durch die Wahlerfolge der rechten Parteien bei den zeitgleich stattgefundenen Wahlen für Senat, Abgeordnetenkammer und Gouverneursposten das Land vor große Herausforderungen stellten. Lulas Spielraum sei dadurch eng, erklärte Maier. „Er wird die gespaltene Gesellschaft nach dem polarisierten Wahlkampf einen müssen.“

Auch die Leiterin der Verbindungsstelle von Misereor in Brasilien, Claudia Fix, äußert sich besorgt. „Die Regierung wird gezwungen sein, viel Energie darauf zu verwenden, bereits Erreichtes zu verteidigen – und wird nur geringe Spielräume zur Gestaltung haben.“ Gleichzeitig hätten sich die politischen Gräben weiter vertieft. „Der Wahlsieg allein schützt unsere Partnerorganisationen noch lange nicht vor einer zerstörerischen Wirtschaftspolitik und neuen Bedrohungen der Menschenrechte.“

Text: KNA | Bild: Nicole Cronauge/Adveniat

Mehr aus der Weltkirche


Weitere Weltkirche-Meldungen: