Tomasz Dostatni, polnischer Dominikanerpater und Publizist, mit seinem Buch "Otwarta Brama" - "Das offene Tor", am 13. September 2026 in Stettin (Polen). Bild: Ludger Möllers/KNA

Warum Dominikaner Dostatni in Polen eine „Galoppierende Säkularisierung“ sieht

In Polen waren lange Zeit 90 Prozent der Menschen katholisch. Doch seit einigen Jahren sinkt die Zahl rapide. Ein Experte erklärt, warum – und wie die Kirche auf ihren Bedeutungsverlust reagieren sollte.

Text und Bild: Ludger Möllers/KNA

Der Dominikanerpater Tomasz Dostatni zählt zu den profiliertesten katholischen Intellektuellen Polens. Im KNA-Interview spricht er darüber, warum die Kirche viele junge Menschen verloren hat – und was sie ändern sollte.

Frage: Pater Tomasz, Polen galt lange als eines der katholischsten Länder Europas. Erleben wir heute nur einen Rückgang der Kirchenbindung oder einen kulturellen Bruch?

Pater Tomasz Dostatni: Ich würde Polen heute als ein Labor von Glauben und Unglauben bezeichnen. Diesen Begriff habe ich während meiner Jahre in Tschechien kennengelernt. Dort lag die Betonung eher auf dem Unglauben, in Polen traditionell auf dem Glauben. Jetzt erleben wir einen tiefen Wandel. Rund 72 Prozent der Bevölkerung bezeichnen sich weiterhin als gläubig. Das sind allerdings deutlich weniger als noch vor zehn Jahren – der Anteil ist um 16 Prozent gesunken. Zugleich ist die Kirche regional sehr unterschiedlich.

Frage: Warum geht dieser Wandel so schnell?

Dostatni: Es gibt mehrere Gründe. Einer sind die Missbrauchsskandale. Zahlreiche Bischöfe, etwa 15, wurden vom Vatikan wegen ihres Umgangs mit Fällen sexuellen Missbrauchs bestraft. Für die Öffentlichkeit war das ein Schock. Die Kirche hat Glaubwürdigkeit verloren. Und dabei zeigte sich: Vieles, was wir für Glauben hielten, war in Wirklichkeit Kultur und Tradition. Der persönliche Glaube war oft weniger stark, als wir angenommen hatten.

Frage: Welche Rolle spielt die enge Verbindung von Kirche und Politik?

Dostatni: Eine sehr große. Teile der hierarchischen Kirche haben sich stark mit einer politischen Seite verbunden, vor allem mit dem nationalkonservativen Lager. Das ist keine moderne Beziehung zwischen Kirche und Staat. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil sollte es Autonomie und Zusammenarbeit geben, aber keine Bindung an eine einzelne Partei und kein aktives parteipolitisches Engagement. Christentum darf nicht darauf beruhen, andere auszuschließen. Gesellschaft müssen wir mit anderen gemeinsam gestalten, auch mit Menschen anderer Herkunft, Religion oder Überzeugung.

Frage: Sie sprechen von „galoppierender Säkularisierung“. Hat die Pandemie diese Entwicklung beschleunigt?

Dostatni: Ja. Mein Freund, der tschechische Theologe Tomas Halik, sprach von einer Zeit der Kirchen ohne Menschen, von leeren Kirchen. Viele haben damals erfahren: Ich kann die Messe im Internet verfolgen. Andere sagten: Ich brauche das überhaupt nicht. Gewohnheiten wurden unterbrochen, und viele Menschen sind nicht zurückgekehrt.

Frage: Besonders stark verliert die Kirche junge Menschen. Warum?

Dostatni: Weil wir ihre Sprache verloren haben. Viele kirchliche Begriffe erreichen sie nicht mehr. Sie reagieren nicht automatisch auf Autorität oder Hierarchie. Entscheidend sind Glaubwürdigkeit und Authentizität. Die Kirche müsste junge Menschen begleiten, statt sie zuerst zu belehren. Ein Beispiel: Jean-Claude Hollerich, der Kardinal aus Luxemburg, fährt mit Jugendlichen nach Afrika und baut dort mit ihnen Häuser für arme Menschen. Er tritt nicht als Kardinal auf, sondern arbeitet mit ihnen. Irgendwann kommen die jungen Leute zu ihm und stellen Fragen. So kann Glaubensvermittlung heute funktionieren: erst Beziehung, dann Gespräch.

Die Kirche müsste junge Menschen begleiten, statt sie zuerst zu belehren.
Pater Tomasz Dostatni

Frage: Muss sich die Kirche also stärker an die moderne Kultur anpassen?

Dostatni: Nicht anpassen, aber in Dialog treten. Es gibt keinen anderen Weg als das Gespräch mit der zeitgenössischen Kultur. Menschen haben weiterhin religiöse und metaphysische Bedürfnisse. Sie suchen Sinn. Darauf kann die Kirche nicht nur mit Moral und mit einem Schema von Ja oder Nein antworten. Sie muss in Kultur, Kunst und Gesellschaft präsent sein.

Frage: Die Zahl der Priester und Seminaristen sinkt. Kommt Polen nun in eine ähnliche Entwicklung wie Deutschland oder Frankreich?

Dostatni: Die polnische Kirche ist noch immer sehr klerikal. Das wird sich ändern müssen. Wenn es weniger Priester gibt, müssen Laien mehr Verantwortung übernehmen. Ein Priester muss nicht zugleich Ökonom, Sekretär und Verwalter sein. Auch der ständige Diakonat sollte stärker entwickelt werden. Pfarreien werden bereits zusammengelegt. Daraus können aber kleinere und bewusstere Gemeinschaften entstehen. Solche Gemeinschaften gibt es in Polen bereits. Sie sind eine Hoffnung für die Kirche.

Frage: Bei Themen wie Abtreibung, Sexualmoral, Rolle der Frauen und künstliche Befruchtung stehen kirchliche Positionen und gesellschaftliche Wirklichkeit weit auseinander. Wie sollte die Kirche damit umgehen?

Dostatni: Für mich ist das entscheidende Bild: Die Kirche sollte ein offenes Tor bieten, aber keine belagerte Festung sein. Wenn man sie als Burg versteht, wird jede Kritik als Angriff empfunden. Dann fällt auch die Aufarbeitung eigener Fehler schwer. Kirche muss offen sein und auf die Menschen zugehen. Das gilt auch für den Missbrauch. Manche Bischöfe verstehen, dass eine ernsthafte Aufarbeitung notwendig ist. Aber vieles geht zu langsam voran. Solange Kritik und die Aufarbeitung von Skandalen als Herabwürdigung der Kirche oder als Angriff verstanden werden, wird das Problem bestehen bleiben.

Frage: Was könnte aus diesem „Labor von Glauben und Unglauben“ entstehen?

Dostatni: Vielleicht lernen wir neu, zwischen kulturellem Katholizismus und persönlichem Glauben zu unterscheiden. Jahrzehntelang gehörten katholische Tradition, nationale Identität und Kirche eng zusammen. Das funktioniert nicht mehr automatisch. Entscheidend ist, ob wir Menschen wahrnehmen, die an der Grenze oder schon außerhalb der sichtbaren Kirche stehen – und ob wir ihnen begegnen können, ohne sie sofort zu beurteilen.

Frage: Wo sehen Sie die Kirche in Polen in 10 oder 15 Jahren?

Dostatni: Sie wird wahrscheinlich kleiner und vielfältiger sein. Vielleicht verlieren wir das Modell der Volkskirche. Entscheidend ist, ob glaubwürdige Gemeinschaften entstehen. Ich habe meinen Text über Polen als Labor von Glauben und Unglauben mit einem Satz beendet, der für mich weiterhin gilt: Ich weiß nicht, welchen Weg die polnische Erfahrung von Glauben und Unglauben nehmen wird. Ich bin ein Pessimist, aber mit einem Hauch christlichen Optimismus. Und vielleicht ist die wichtigste Antwort noch einfacher: Wenn unser Christentum stärker auf Christus gegründet wäre, hätten wir viele dieser Probleme gar nicht.

Zur Person

Tomasz Dostatni OP, Jahrgang 1964, ist Dominikanerpater, Publizist und einer der profiliertesten katholischen Intellektuellen Polens. Seit Jahrzehnten beschäftigt er sich mit dem Verhältnis von Kirche, Gesellschaft, Kultur und Politik. Er lebt in Stettin an der Oder, nahe der Grenze zu Deutschland.

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