Sie hängt in Klassenzimmern, ist in vielen Medien präsent: die Weltkarte auf Grundlage der Mercator-Projektion. Vertraut, aber verzerrt. Aktivisten wollen das ändern – und haben ein wichtiges Etappenziel erreicht.
Text: Katrin Gänsler und Alexander Pitz (KNA) | Bild: dr/weltkirche.de auf Basis von Natural Earth-Daten.
Beim Blick auf die traditionelle Weltkarte fällt schnell der afrikanische Kontinent mit seinen 54 Staaten auf. In puncto Bevölkerung – mehr als 1,5 Milliarden Einwohner – und Fläche – gut 30 Millionen Quadratkilometer – ist es der zweitgrößte der Welt. Doch auf der Karte erscheint er kleiner. Grund ist die nach dem Kartografen und Geografen Gerhard Mercator benannte Mercator-Projektion aus dem 16. Jahrhundert.
Sie hält Kurswinkel gerade und eignet sich deshalb gut für die See- und Luftnavigation – verzerrt aber die Flächen. Je näher an den Polen, desto größer wirken Länder. Afrika wirkt etwa so groß wie Grönland – ist aber in Wirklichkeit 14 Mal größer.
Immer mehr Menschen und ganze Staaten stören sich an dieser Darstellung, nicht aus rein wissenschaftlichen, sondern aus gesellschaftspolitischen Gründen. Kernvorwurf: Afrika werde kleiner gemacht, als es sei. Doch das könnte sich nun ändern. Die UN-Vollversammlung stimmte am Freitag in New York auf Betreiben Togos und der Afrikanischen Union für eine einschlägige Resolution. Sie ruft Organisationen und Staaten auf, künftig flächentreue Karten vom 2018 erstellten Typ „Equal Earth“ zu nutzen.
Nur die USA stimmten dagegen – sie sehen in dem Vorstoß ein ideologisch motiviertes Projekt. Verhaltene Kritik und eine Enthaltung bei der Stimmabgabe gab es allerdings auch aus der Ukraine, Georgien, Estland, Litauen, Moldau und Serbien – Staaten also, in denen es anhaltende Grenzkonflikte gibt. Man habe zwar nichts gegen die Kernprinzipien des Resolutionsentwurfs, erklärte der Vertreter der Ukraine, störe sich aber daran, wie auf einer Karte des Equal Earth-Projekts „temporär von der russischen Föderation besetzte ukrainische Gebiete“ dargestellt würden. Die Halbinsel Krim ist dort in einer anderen Farbe dargestellt als der Rest der Ukraine.
Togos Außenminister Robert Dussey sprach nach dem Votum dagegen von einem „historischen Schritt“, der weit über die Kartografie hinausgehe. Es gehe um Gerechtigkeit, Würde, Gleichheit: „Die Karte zu korrigieren, bedeutet, die Art und Weise zu korrigieren, wie wir die Welt sehen.“ Im Namen der Europäischen Union erklärte der Vertreter Irlands, man unterstütze das Ziel der Resolution, eine gerechtere und genauere kartografische Darstellung der Weltregionen – insbesondere Afrikas – zu fördern. Er fügte jedoch hinzu, der Anwendungsbereich sei strikt auf die Zwecke der Bildung, der Bewusstseinsbildung und der geografischen Kompetenz beschränkt und behandle und berühre weder Fragen der Souveränität, des Gebietsstatus, der Grenzziehung oder international anerkannter Staatsgrenzen.
Bindend ist die neue UN-Resolution zwar nicht, aber etliche Länder, darunter auch Frankreich, kündigten bereits an, die Mercator-Projektion aufzugeben. Viele Verlage und auch Institutionen wie das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) verzichten wo möglich bereits seit vielen auf Mercator-Karten und nutzen Projektionen, die die wahren Größenverhältnisse etwas besser widerspiegeln.
Zu verdanken ist dieser Erfolg nicht zuletzt einer im vergangenen Jahr ins Leben gerufenen internationalen Initiative, zu deren Frontkämpferinnen Fara Ndiaye zählt. Die Mitbegründerin der Organisation „Speak Up Africa“ mit Sitz in Senegals Hauptstadt Dakar setzt sich gemeinsam mit der NGO „Africa No Filter“ für eine Korrektur der Weltkarte ein. Die USA und Europa würden aufgeblasen, sagte Ndiaye der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Afrika hingegen auf knapp die Hälfte der tatsächlichen Größe verkleinert.
Nicht die erste Änderung
Selma Haddadi, stellvertretende Vorsitzende der Kommission der Afrikanischen Union, schloss sich der Initiative an: Afrika werde mit der alten Karte, die ein falsches Bild zeige, marginalisiert. Für Ndiaye und ihre Mitstreiter war die Unterstützung der Union „ein Meilenstein“, der gezeigt habe, dass Afrika in dieser Frage mit einer Stimme spreche. Die Kampagne nahm Fahrt auf – und mündete schließlich in der UN-Abstimmung.
Iris Schröder, Professorin für Globalgeschichte an der Universität Erfurt, hält die Debatte um eine korrekte Darstellung Afrikas ebenfalls für wichtig: „Die Vergrößerung Europas und die Verkleinerung Afrikas war politisch gewollt und sollte nicht fortgeschrieben werden.“
Doch immer noch wachsen Millionen Kinder weltweit damit auf. „Das beeinflusst unser Verhältnis zu Macht“, kritisiert Aktivistin Ndiaye. „Welche Regionen sind mächtig, und welche liegen in der Peripherie?“
Einen Bruch in der Kartografie habe es bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts gegeben, erläutert Expertin Schröder. Der Grund: Europäische Mächte teilten während der Afrika-Konferenz in Berlin 1884 und 1885 den Kontinent unter sich auf, Kolonien entstanden. Die Karten wurden genutzt, um Gebietsansprüche zu markieren.

Anders frühere Karten, so Schröder. „Das Wissen daraus ist auch heute für Afrikaner und Afrikanerinnen interessant.“ Handelswege wie kulturelle Orte wurden verzeichnet. Auch ließen Ortsnamen Rückschlüsse darauf zu, ob Dörfer beispielsweise von befreiten Sklaven gegründet wurden. Tausende solcher Karten – allein 5.000 von Äthiopien – gehören zur Sammlung Perthes, die Teil der Forschungsbibliothek Gotha ist.
Diese Karten seien stets Koproduktionen gewesen und wurden also nicht allein von Europäern erstellt, erklärt Schröder. Sie böten wichtige Informationen, aber auch Verzerrungen: „Wenn afrikanische Begleiter der europäischen Reisenden abwertende Namen für andere, ihnen fremde Menschen nutzten, fanden sich diese auch auf den Karten wieder. Insofern spiegeln die Karten auch die internen politischen Konflikte vor Ort wider, die die Europäer allerdings oft nicht verstanden.“
Kartografische Konflikte sind also kein neues Phänomen. Ob sich künftig tatsächlich die Karten vom Typ „Equal Earth“ weltweit durchsetzen, ist ungewiss. Letztlich gehe es ohnehin nicht um Landkarten, meint Fara Ndiaye: „Es geht darum, wie Afrika repräsentiert wird. Wir müssen Einfluss darauf nehmen, wie auf globaler Ebene über Afrika gesprochen wird.“
07.09.2026 10:00h: Enthaltungen und Begründung EU /dr


