Das Meer kann man von Rom aus nicht sehen. Und doch gibt es in der Zentrale der katholischen Weltkirche eine Abteilung, die sich nur um die Menschen auf See kümmert. Und das nicht bloß auf dem Mittelmeer.
Text: Sabine Kleyboldt/KNA | Bild: Sabine Kleyboldt/KNA
Dieses Gefühl wird Pater Ritchille Salinas nie mehr los: „Plötzlich schlugen uns zwölf Meter hohe Wellen entgegen“, erinnert sich der langjährige Hamburger Seemannspastor. „Mir war nicht nur schrecklich übel, ich hatte Angst.“ So spürte er auf dem Kreuzfahrtschiff im Südpazifik am eigenen Leib, welche Gefahren im Alltag von Seeleuten lauern.
Inzwischen hat es den 42-jährigen Philippiner in den Vatikan verschlagen. Papst Leo XIV. berief den Steyler Missionar zum Generalsekretär und damit zum Steuermann des neu aufgestellten Apostolats der Weltmeere. „Kapitän“ ist der emeritierte spanische Bischof Luis Quinteiro Fiuza (79), beide zunächst „ad Interim“.
Seit über 100 Jahren hat die katholische Kirche ein eigenes maritimes Apostolat, das sich um Seelsorge und Sozialarbeit für die heute rund 2,5 Millionen Seeleute und ihre Familien kümmert. Mit der neu errichteten zentralen Behörde soll das weltweite Engagement besser koordiniert werden.
Einen Effekt des Lebens auf See kennt Salinas als Neffe zweier Seeleute sehr gut. „Meine Cousins und Cousinen sagten oft, ‚warum ist mein Papa gar nicht an Weihnachten oder an meinem Geburtstag da?‘ Diese monatelange Abwesenheit und Ungewissheit ist für die Seeleute und ihre Familien sehr hart.“
Genau solche Erfahrungen hörte er auch in der Hamburger Seemannsmission. Sechs Jahre lang ging er dort von Bord zu Bord, um Matrosen zu unterstützen – mit deutschen Sim-Karten oder Kontaktadressen für gesundheitliche, rechtliche oder finanzielle Probleme. „Vor allem wollen wir mit ihnen ins Gespräch kommen, damit sie fühlen, dass sie nicht allein sind“, sagt Salinas, der auch mit Suiziden unter Seeleuten konfrontiert war.
„Viele kämpfen mit Depressionen, sind von der Schwerstarbeit, Eintönigkeit und Einsamkeit zermürbt. Außer ihrer Crew, mit der sie auf engstem Raum zusammenleben müssen, sehen sie keinen Menschen.“ Das alles unter oft grenzwertigen Bedingungen sowie Angst vor Unwettern, Piratenüberfällen und Kriegen.
Straße von Hormuz – Traumatischer Ort für Seeleute
Vor allem die Lage auf der Straße von Hormuz sei derzeit ein großes Problem. Die Besatzungen „sitzen praktisch auf den Schiffen fest, kommen nicht vorwärts und nicht zurück. Und was erwartet sie, wenn sie passieren dürfen? Werden sie beschossen?“ Schon das Geräusch von Bomben, Drohnen oder Raketen schürt Ängste, berichten ihm Seeleute.
Im Vatikan denkt man schon über die Zeit nach dem Krieg nach. Hilfe beim Umgang mit traumatischen Erlebnissen steht an. Da nützt es, dass der Ordensmann auch in der Begleitung von Menschen nach besonders belastenden Ereignissen, ausgebildet ist.
Die erste Generalversammlung des neuen Meeresapostolats soll vom 22. bis 27. Februar 2027 in Rom stattfinden. Sie zu organisieren gehört derzeit zu Salinas‘ Hauptaufgaben. Angesiedelt ist sein Büro in der vatikanischen Entwicklungsbehörde mit Sitz im römischen Stadtteil Trastevere.
Nun gilt es, das neu errichtete Organ bekannt zu machen und die Werbetrommel für die erste Versammlung zu rühren. Daran sollen die bischöflichen Beauftragten für die Seemannspastoral aus aller Welt teilnehmen, für Deutschland ist das der Hamburger Erzbischof Stefan Heße.
Eingeladen sind zudem Partner wie die ökumenische Seemannsmission ICMA (International Christian Maritime Association) oder Arbeitsschutz-Organisationen wie ITF (International Transport Workers‘ Federation) und ILO (Internationale Arbeitsorganisation). Auch andere Vatikanbehörden, etwa die für Evangelisierung, Kommunikation oder für interreligiösen Dialog, sollen kommen – und Papst Leo XIV., dessen Zusage aber noch aussteht.
Dass sich Ende Februar nach dem Kongress seine weitere Zukunft entscheiden wird, bereitet Salinas kein Kopfzerbrechen. „Ich gehöre zur deutschen Provinz der Steyler Missionare, die haben immer Arbeit für mich.“ Vielleicht wieder als Seemannspastor im Erzbistum Hamburg, wo er auch in der Philippinischen Mission und der englischsprachigen Gemeinde arbeitete? „Vielleicht. Aber ich bin offen für alles.“ Derzeit gilt für ihn aber: Volle Fahrt voraus als Generalsekretär des Apostolats der Weltmeere.







