Auf dem Gemeinschaftsfriedhof in Ziguinchor im südlichen Senegal liegen Christen neben Muslimen begraben. Es ist ein Zeugnis des gelebten Austauschs zwischen den Religionen in Westafrika. Ein Besuch.
Text und Bilder von Frida Nsonde/KNA
Auf den ersten Blick sieht der Friedhof Santhiaba in der südsenegalesischen Stadt Ziguinchor wie ein christlicher Friedhof aus. Einmal durch das Eisentor, begrüßen einen links und rechts des Weges Gräber mit weißen Steinkreuzen. Biegt man jedoch an der Abzweigung rechts ab, ändert sich die Ansicht bald: Deutlich flacher sind die Gräber hier. Grüner ist es, und statt Kreuzen bezeugen Metallschilder die Menschenleben, die einmal waren. Das ist die muslimische Seite.
„Der Friedhof von Santhiaba ist ein Ort der Brüderlichkeit, der Erinnerung und des Zusammenlebens. Ein Ort der Begegnung“, sagt Elhadj Amadou Fall. Während sich die Menschheit überall auf der Welt gegenseitig bekriege, sei bewusste Einigkeit umso wichtiger, mahnt der Historiker aus Ziguinchor. Nicht zuletzt zwischen den Religionen.
Er selbst ist Sohn eines muslimischen Vaters und einer christlichen Mutter. „Hier in Ziguinchor ist das nichts Ungewöhnliches. Das ist Teil unserer Identität.“ Zu Begräbnissen oder religiösen Festen lade man sich gegenseitig ein. So seien zum muslimischen Opferfest vor wenigen Tagen auch Christinnen und Christen in der ganzen Stadt zu Gast bei ihren muslimischen Freunden gewesen.
Der Senegal ist ein mehrheitlich muslimisches Land. Bei einer Erhebung des Recherchenetzwerks Afrobarometer von 2022 identifizierten sich 95,2 Prozent der Bevölkerung als muslimisch, 4,6 Prozent als christlich. Hier, in der Region Casamance, ist sowohl der Anteil an Christen als auch an traditionellen Animisten höher als im landesweiten Durchschnitt, wenngleich sie noch immer die Minderheit bilden.
Unweit des Eingangs sind Maurer Denis Sané und seine beiden Gehilfen dabei, ein Grab zu bauen. Im christlichen Teil der Anlage werden die Gräber mit jedem weiteren Toten einer Familie aufgestockt.
„Viel Geschichte ruht hier auf dem Friedhof“, sagt Sané, während er Holz für das Gerüst anpasst. „Da vorne am Hauptweg ist das Grab des ersten Bürgermeisters Charles Bernard Jules. Weiter hinten liegt der international erfolgreiche Fußballspieler Jules Bocandé begraben, sowie eine Reihe senegalesischer Soldaten, die 1995 während des Sezessionskonfliktes in der Region gefallen sind.“
Um die Entstehung des Friedhofs ranken sich mehrere Mythen. Eine Geschichte, die auch Maurer Sané erzählt, lautet wie folgt: „Auf einem Schiff unweit von hier kamen zwei Frauen ums Leben. Eine der beiden trug eine Halskette mit Kreuz, weshalb man annahm, dass sie Christin war. Die eine wurde links, die andere rechts auf dieser Fläche begraben.“ Das sei die Geburtsstunde des Friedhofs gewesen.
„Unwahrscheinlich“, meint Historiker Fall. Er hält zwei andere Hypothesen für realistischer. Beide gehen davon aus, dass der Friedhof ursprünglich katholisch gewesen sei: Einmal war es dann der Pragmatismus der Angehörigen eines muslimischen Verstorbenen, der sie dazu brachte, den Leichnam auf dem christlichen Friedhof zu beerdigen, anstatt den beschwerlichen Weg durch Wald und Nacht bis zum nächsten muslimischen Friedhof auf sich zu nehmen.
Nicht der einzige seiner Art
Im anderen Fall war es die Verbundenheit zweier Freunde, die den muslimischen Verbliebenen der beiden auf dem Sterbebett bitten ließ, er möge neben seinem christlichen Weggefährten begraben werden. In beiden Fällen habe der damalige Priester Jean-Marie Esvan gegenüber empörten Gemeindemitgliedern ein Machtwort gesprochen – und somit die religiöse Öffnung besiegelt.
In Ermangelung historischer Dokumentation sei es schwierig, den genauen Entstehungszeitpunkt zurückzuverfolgen, erklärt Fall. Eigene Verwandte hätten ihm jedoch überliefert, dass es um 1914 an dieser Stelle bereits Gräber gegeben habe.
Neben dem Gemeinschaftsfriedhof in Ziguinchor gibt es im Senegal noch einen weiteren bekannten dieser Art, in Joal-Fadiouth. Auch wenn an einzelnen weiteren Orten im Land von einer offenen Friedhofsnutzung die Rede ist, bleibt dies die Ausnahme.
Sané und seine Gehilfen sind mittlerweile dabei, den Beton anzumischen. „Es ist deutlich teurer, als Christ zu sterben“, kommt Sané halb scherzhaft auf die Unterschiede der Bestattungsriten zu sprechen. „Muslime müssen das Leichentuch kaufen und das Grab ausheben lassen.“ 10.000 CFA (15 Euro) koste das, meint Gehilfe und Literaturstudent Amadou. Ebenfalls Sohn aus einer interreligiösen Ehe, kennt er beide Traditionen.
„Wir Katholiken müssen alle möglichen Baumaterialien kaufen, plus den Sarg und den Toten schön einkleiden“, fährt Sané fort. „Dann muss man für 15.000 CFA die Messe lesen lassen und, zu Hause angekommen, die Gäste mit Speis und Trank versorgen.“ Da liege man schnell bei über 100.000 CFA. „Wenn man kein Geld hat, ist es schwierig, ein Begräbnis abzuhalten.“ Allgemein sei es jedoch üblich, dass Verwandte und Bekannte etwas beisteuerten.

Das Grab von Sanés Eltern ist gleich nebenan. Die religiöse Offenheit des Friedhofs gefällt dem Maurer. „Wir alle kommen von Gott und kehren zu ihm zurück“, sagt er. Allerdings sei der Friedhof mittlerweile voll, und es herrsche eine gewisse Anarchie, da Regelungen ebenso fehlten wie Reinigungs- oder Wachpersonal.
Im hinteren Teil des Friedhofs steht Édouard Mendy – vor dem Grab seines Vaters und seiner Urgroßeltern. Es ist die einzige verbliebene Struktur, die das Meer von wucherndem Grün überragt. Dieser Teil des Geländes sei besonders sumpfig und stehe immer wieder unter Wasser, sagt er. „Während der Regenzeit kommen wir teilweise gar nicht an das Grab heran.“
Um dorthin zu gelangen, muss Mendy über die Ränder anderer Gräber balancieren; die Wege sind zugebaut. Mit der Zeit werde der Platz auf allen Friedhöfen der Stadt knapp, sagt er. „Deshalb sind Menschen nicht allzu wählerisch, was den Ort angeht.“ Beim gemischten Friedhof sei indes „maßgeblich, dass die gesellschaftliche Akzeptanz dafür da ist. Christen und Muslime respektieren einander.“ Der Friedhof sei der Beweis dafür.
Der Geografiestudent hat eine kleine Kerze mitgebracht, die er neben dem Grab entzündet. „Dieses friedliche Zusammenleben der Lebendenden“, sagt er, „reicht bis in die Welt der Toten.“






