Als vor einem Jahr im Vatikan ein neuer Papst gewählt wurde, saß erstmals auch ein Vertreter der katholischen Kirche aus Serbien im Konklave: László Kardinal Német SVD. Der sieht auch 35 Jahre nach dem Beginn der Jugoslawienkriege die Versöhnung in seinem Land noch nicht erreicht.
Text und Bilder: Markus Nowak/Renovabis
1956 in der multiethnischen Vojvodina im Norden Serbiens geboren, trat László Kardinal Német 1977 den Steyler Missionare bei. Er studierte in Polen und Rom, promovierte in Dogmatik und wirkte u.a. als Hochschulseelsorger auf den Philippinen, als Theologieprofessor sowie in kirchlichen Leitungsfunktionen in Wien und Ungarn. 2008 ernannte ihn Papst Benedikt XVI. zum Bischof von Zrenjanin, 2022 folgte die Berufung zum Erzbischof von Belgrad durch Papst Franziskus. Ende 2024 wurde Nemet zum Kardinal ernannt. Ein Gespräch über die Situation der Katholiken in Serbien, die langen Schatten der Kriege und Europas Verantwortung gegenüber seinen Rändern.
Frage: Herr Kardinal, der Beginn der Kriege im ehemaligen Jugoslawien liegen 35 Jahre zurück. Was davon wirkt im Leben der Menschen in Serbien bis heute fort?
László Kardinal Német SVD: Es ist durchaus noch präsent. Es ist noch keine Versöhnung erreicht, und es wird auch nicht wirklich danach gesucht. Es gibt zahlreiche Fragen, die spalten, wenn es etwa um den Genozid von Srebrenica geht; das weiterhin offene Problem mit dem Kosovo. Wenn das eine Thema ein wenig zur Seite geschoben wird, kommt sofort ein anderes, etwa der Zweite Weltkrieg, der Zerfall Jugoslawiens oder die Bombardierung Serbiens von 1999. Wir leben im Schatten dieser Realitäten. Die Menschen sind daran gewöhnt, damit umzugehen, weil es unmöglich ist, ständig nur daran zu denken. Gleichzeitig lebt man in dem Bewusstsein, dass jederzeit ein altes Problem wieder aufflammen kann. Das hilft nicht wirklich bei der Versöhnung.
Frage: Wie ist unter diesen Voraussetzungen die Situation der katholischen Kirche in Serbien?
Német: Wir sind eine Minderheitenkirche, die Katholiken machen weniger als fünf Prozent der Bevölkerung aus. Insgesamt sprechen wir von rund 300.000 Katholiken im Land, davon leben die meisten, etwa 275.000, in der Vojvodina im Norden und nur rund 25.000 im Raum Belgrad. Wir sind überall in der Diaspora. Die Strukturen sind klein und die Entfernungen groß.
Frage: Serbien ist von der Fläche her etwas größer als Bayern, hat aber mit weniger als sieben Millionen Einwohnern nur die Hälfte der Bevölkerung…
Német: …ja und allein meine Erzdiözese umfasst etwa 50.000 Quadratkilometer und hat 17 Pfarreien, davon fünf in Belgrad. Es gibt zwar ein normales pastorales Leben, aber es ist schwierig, die Menschen zusammenzubringen. Unter der Woche passiert in vielen Gemeinden sehr wenig, vieles konzentriert sich auf das Wochenende. Am Samstag und Sonntag findet das kirchliche Leben statt: Gottesdienst, Gespräche, Sakramente, Vorbereitung. Das prägt unseren Alltag sehr stark.
Ökumenischen Dialog gibt es vor allem im Alltag.
László Kardinal Német SVD
Frage: Wie ist unter diesen Bedingungen das Verhältnis zur orthodoxen Kirche? Rund 85 Prozent der Serben bekennen sich zu ihr.
Német: Die Situation ist in den letzten zehn Jahren besser geworden, auch, weil die Kriege immer weiter zurückliegen. Auch gab es einen positiven Effekt von Papst Franziskus und seinen guten Beziehungen zur Orthodoxie. Gleichzeitig muss man realistisch sein: Ökumenischen Dialog gibt es vor allem im Alltag. In Belgrad erinnere ich mich seit Jahren an keine rein katholische Eheschließung. Es sind fast alles gemischte Ehen. Die Menschen leben und studieren zusammen, die Frage der Religion ist dabei oft nicht entscheidend. Aber einen theologischen Dialog gibt es nicht. Die orthodoxe Kirche ist nicht so offen für Reformfragen, wie wir sie im synodalen Prozess beschreiben. Auch ist das Kirchenverständnis anders. In der orthodoxen Wahrnehmung gilt der Erzbischof von Belgrad als Haupt der katholischen Kirche in Serbien. Das entspricht nicht unserer Struktur, denn jeder Bischof ist für seine Diözese verantwortlich. In der Realität werde ich dennoch als Repräsentant der katholischen Kirche in Serbien wahrgenommen.
Frage: Sie sind ja auch der erste serbische Kardinal und als eine der ersten Amtshandlungen durften Sie direkt den neuen Papst mitwählen…
Német: …das war das erste Konklave, das in Serbien auch wirklich von den Medien begleitet wurde. Das Interesse war deutlich größer als früher und ich habe noch nie so viele Interviews gegeben wie vor und nach dem Konklave. Das zeigt, dass es etwas anderes ist, wenn ein Land plötzlich einen eigenen Vertreter dorthin schickt. Beim Konklave selbst aber spielte die Nationalität keine Rolle. Es ging nicht darum, welche Nationen vertreten sind, sondern um die Persönlichkeit.
Frage: Wenn wir noch einmal nach Serbien zurückgehen: Bei nur fünf Prozent Katholikenanteil, kann da die Kirche in die Gesellschaft hineinwirken?
Német: Durchaus. In der Gesellschaft sind wir vor allem durch unsere karitativen Tätigkeiten präsent. Die Caritas Serbiens wurde vor 30 Jahren gegründet, und sie war immer in Krisenzeiten da: während der Jugoslawienkriege, beim Zerfall des Landes, bei der Bombardierung 1999, später bei den Flutkatastrophen 2014, bei der Migrationskrise 2015 und heute. Wir sind Teil der weltweiten Kirche und dadurch ist die Caritas auch international vernetzt. Sie hat viel mehr Möglichkeiten, Hilfe zu organisieren, als zum Beispiel die orthodoxe Kirche, die eine Nationalkirche ist. Viele haben mehr Vertrauen in die Caritas als in andere Organisationen oder staatliche Akteure. Die Korruption ist hoch in Serbien, das ist bekannt. Aber die Caritas hat in der serbischen Gesellschaft einen guten Ruf. Dieser stammt aus Krisenzeiten: Ich erinnere mich an die 1990er Jahre: In meiner früheren Diözese Zrenjanin war die einzige Apotheke, die noch funktionierte, die der Malteser. Die Menschen standen stundenlang beim Pfarrhaus an, um Medikamente zu bekommen, die sie im Krankenhaus oder in staatlichen Apotheken nicht erhalten konnten. Durch die weltweite Malteser Organisation hat unsere Kirche damals sehr viel Medikamente bekommen.
Frage: Was ist aus dieser Krisenerfahrung bis heute geblieben?
Német: Die Krisen haben sich verändert, aber die Not ist geblieben. Die Armut ist sehr präsent, besonders stark betroffen sind Minderheiten wie die Roma. Gleichzeitig verlässt bis zu circa ein Prozent der Bevölkerung jedes Jahr das Land. Das sind vor allem jüngere Menschen. In der Hauptstadt Belgrad sieht man das weniger, weil junge Menschen hierherziehen – zum Studium an den Schulen und Universitäten und arbeiten hier. Aber wenn man in die kleineren Städte und Dörfer geht, sieht man leere Häuser und ganze Dörfer, die zugrunde gehen. Dort ist es viel schwieriger, Arbeit zu finden. Deshalb versuchen wir als Kirche genau dort zu helfen, wo die Strukturen schwach sind. Vor allem für Jugendliche ohne klare Ausbildung, besonders in kleineren Städten.
Frage: Viele Menschen verlassen Serbien in Richtung Westen. Welche Bedeutung hat Europa heute für die Menschen im Land?
Német: Wenn Menschen Serbien verlassen, gehen sie in die Staaten der Europäischen Union. Niemand geht nach Moskau oder Peking. Gleichzeitig fühlen sich viele enttäuscht und ausgespielt. Seit Jahren gibt es Verheißungen aus Brüssel, aber keine Entscheidung, Serbien aufzunehmen. Viele fragen sich, warum andere Länder aufgenommen wurden, als sie politisch und wirtschaftlich schwächer waren als Serbien heute. Etwa Rumänien und Bulgarien aber auch Portugal und Griechenland. Das wird als unfair empfunden. Vielleicht ist es auch so, dass einige in der Europäischen Union froh sind, wenn junge, gut ausgebildete Menschen aus Serbien kommen, ohne dass Serbien selbst aufgenommen wird. Das ist ein Spiel mit Menschen und ihren Lebensgeschichten.
Die Krisen haben sich verändert, aber die Not ist geblieben.
László Kardinal Német SVD
Frage: Diese Enttäuschung über Europa fällt zusammen mit anhaltenden Protesten im Land. Wie ist das gesellschaftliche Klima in Serbien?
Német: Unsicherheit prägt das Leben der Menschen sehr stark. Seit einem Jahr gibt es Demonstrationen. Viele Menschen fühlen sich gezwungen, sich zu einer Gruppe zuzuordnen, auch wenn sie das eigentlich nicht wollen. Das hat mit existenzieller Unsicherheit zu tun. Viele haben das Gefühl, dass sie politisch loyal sein müssen, um überhaupt arbeiten zu können oder um keine Nachteile zu haben. Wenn man ständig darüber nachdenken muss, ob ein falsches Wort Konsequenzen haben könnte, erzeugt das großen Druck. Es gibt auch eine reale Angst vor Gewalt. Gewalt haben wir bereits erlebt. Deshalb hoffe ich sehr, dass die Lage ohne Gewalt gelöst wird.
Frage: Wenn Sie all das zusammennehmen – Minderheitensituation, soziale Herausforderungen, gesellschaftliche Spannungen: Wo sehen Sie die katholische Kirche in Serbien in einigen Jahren?
Német: Das hängt sehr stark davon ab, wie sich Serbien allgemein weiterentwickelt. Geschichte kann große Überraschungen bringen. Wenn es so weitergeht wie jetzt, werden wir sicherlich noch kleiner werden. Auch wenn die Auswanderung sich verlangsamt, führt die demografische Entwicklung dazu, dass die Zahl der Gläubigen weiter sinkt. Damit stellen sich Fragen der finanziellen Selbstständigkeit. Gleichzeitig eröffnet diese Situation auch neue pastorale Chancen: Wir werden mehr Priester für weniger Gläubige haben. Das erlaubt eine sehr persönliche, individualisierte Seelsorge. In Belgrad erleben wir das bereits: Unsere Priester kennen sehr viele Gläubigen persönlich. Als Minderheitenkirche ergeben sich andere Formen von Pastoral. Oft sind Beerdigungen der Moment, in dem wir Menschen begegnen, die sonst keinen Kontakt zur Kirche haben. Das sind reale Gelegenheiten, über Gott, Kirche und Glauben zu sprechen. Die konkreten Begegnungen werden wichtiger.
Dieses Interview entstand im Zusammenhang mit der Renovabis-Pfingstaktion 2026.







