Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Lateinischer Patriarch von Jerusalem, beim Abschluss der Palmsonntagsprozession im Hof der Sankt-Anna-Kirche am 13. April 2025 in Jerusalem (Israel). Bild: Andrea Krogmann/KNA

Jerusalemer Kirchenführer veröffentlicht umfassenden Friedensappell

Kardinal Pierbattista Pizzaballa warnt vor einem globalen Paradigmentwechsel. Gewalt verdränge die bestehende internationale Ordnung. Er fordert ein Umdenken – und internationalen Schutz für Jerusalem.

Die jüngsten Kriege in Nahost sind laut Kardinal Pierbattista Pizzaballa Symptom eines globalen Paradigmenwechsels. An die Stelle der internationalen Ordnung sei „Gewaltanwendung als entscheidendes Mittel zur Konfliktlösung“ getreten, schreibt der Lateinische Patriarch von Jerusalem in einem umfangreichen Pastoralbrief, der am Montag veröffentlicht wurde. Darin plädiert er für radikales Umdenken, für das Zusammenleben in Jerusalem und für einen internationalen Schutz der Stadt.

Der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 und der Gaza-Krieg würden „als Wendepunkte angesehen, die eine Ära beendet und eine neue eingeleitet haben – und zwar auf die schlimmste aller Arten“, so Pizzaballa in dem Schreiben mit dem Titel „Sie kehrten mit großer Freude nach Jerusalem zurück“. Inzwischen habe sich der Konflikt zum integralen Teil der Kultur des Landes und Selbstzweck entwickelt. Weltmächte, die einst die internationale Ordnung garantieren sollten, ergriffen heute Partei aufgrund eigener strategischer und wirtschaftlicher Interessen.

Der Patriarch zeichnete tiefgreifende gesellschaftliche Folgen von Entmenschlichung, Polarisierung auch innerhalb der Konfliktparteien, Angst und Radikalisierung. Begriffe wie Koexistenz, Dialog, Zwei-Staaten-Lösung seien abgenutzt. Auch die Heiligen Stätten würden zu Schlachtfeldern um Identität; Religion diene zur Rechtfertigung von Gewalt, Besatzung und Terrorismus.

Die Stadt Jerusalem stehe als „symbolischer Mikrokosmos am Schnittpunkt von Zivilisationen, Religionen und Ethnien“ einerseits im Zentrum des israelisch-palästinensischen Konflikts, sei aber auch beispielhaft für weltweite zeitgenössische Probleme. Pizzaballa warnte vor Monopolisierungsversuchen der Heiligen Stadt und vor einer „toxischen Erinnerung“, die mit Exklusivitätsansprüchen die Erinnerung der anderen leugne.

Die angestammten Christen im Heiligen Land seien kein „neutraler Puffer zwischen Israelis und Palästinensern“, betonte der Patriarch. Sie dürften sich weder in einer geschützten Enklave einschließen noch fliehen, sondern müssten als Teil der Gesellschaft für eine „Vision von Menschlichkeit“ eintreten.

Dabei warb der Oberhirte bei seinen Gemeinden für eine geistliche Erneuerung. „Eine Gemeinschaft, die betet, flieht nicht vor der Realität, sondern lernt, sie unter dem Blick Gottes zu leben“, schrieb Pizzaballa. Auch Familie und kirchliche Schulen seien Orte, um Versöhnung und Menschlichkeit einzuüben.


Im Volltext: “They returned to Jerusalem with great joy”: A proposal for living the vocation of the Church in the Holy Land 

Der komplette Text von Pierbattista Pizzaballa ist beim Lateinischen Patriarchat von Jerusalem auf Englisch verfügbar:


Text: KNA | Bild: Andrea Krogmann/KNA

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