(V.l.n.r.:) Mathias N'Zellé; Paulette Bakame Douma; Jean Simon Kong und Eveline Behiang, Mitglieder im Anwohnerverein von Bonewonda, Stadtviertel von Douala, am 10. Februar 2026 in Douala (Kamerun). Bild: Katrin Gänsler/KNA NUTZUNG NUR BIS 17.05.2026

Douala platzt aus allen Nähten: Wie Einwohner ihr Viertel lebenswerter machen

Dicht an dicht: So leben in Kameruns Hafenmetropole Douala Zehntausende. Wie wichtig Perspektiven gerade für junge Menschen sind, darauf macht die Misereor-Fastenaktion aufmerksam. Höhepunkt ist am kommenden Sonntag.

Text: Katrin Gänsler (KNA)

Hier hat alles seinen Platz: Fläschchen mit Nagellack in allen Farben stehen in den Regalen, daneben Puderpinsel und Haarspray. An den Wänden hängt Kunsthaar, das sich Frauen gerne zur Verlängerung einflechten lassen. An der Tür klebt ein Zettel mit Psalm 23: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.“ Viel Platz hat Paulette Bakame Douma (2. von links) in ihrem Schönheits- und Friseursalon nicht. Umso wichtiger ist Ordnung. Die Kundschaft soll sich wohl fühlen.

Das Geschäft der 33-Jährigen liegt in Bonewonda, einem dicht bewohnten Viertel in Kameruns Hafenmetropole Douala. Die kleinen Häuser sind zusammengeschustert, die Gassen eng. Von der Hauptstraße muss alles zu Fuß oder auf einem Handkarren transportiert werden. In der Regenzeit verwandelt sich der Sand mindestens in Matsch; häufig tritt der Fluss, an dem Bonewonda liegt, über die Ufer. Wasseranschlüsse daheim gibt es nicht. Wer welches braucht, muss es in großen Eimern von einem Gemeinschaftsanschluss holen.

In einem Quartier Populaire, wie die dicht besiedelten Viertel heißen, zu leben, ist hier für Zehntausende Alltag. Paulette Bakame Douma hat sich aber bewusst entschieden, hier ihren Salon zu eröffnen. „Die Kosten sind geringer als an einer befestigten Straße.“ Davon profitierten auch die Kundinnen. „Anderswo bezahlt man gerne 15.000 CFA“, sagt sie – umgerechnet knapp 23 Euro. Ihre Angebote rund um Nägel, Gesicht und Haare beginnen bei 3 Euro.

Der Alltag ist eine Herausforderung

2021 machte sie eine Ausbildung zur Frisörin, die Codas Caritas, eine Partnerorganisation des katholischen Hilfswerks Misereor, im Rahmen eines Programms für berufliche Bildung größtenteils übernahm. Anschließend machte sie sich selbstständig – mit allen Risiken. Doch in dem zentralafrikanischen Land, in dem rund 30 Millionen Menschen leben, gibt es kaum Anstellungsverhältnisse. 80 Prozent arbeiten im informellen Sektor.

Paulette Bakame Douma ist zufrieden mit der Entscheidung. „Ich kann meiner Familie bei finanziellen Schwierigkeiten helfen und meine Tochter ernähren.“ Und noch etwas macht die Friseurin in ihrem kleinen Laden: Sie bildet aus. Denn sie möchte, dass die Menschen in ihrem Viertel eine Zukunft und ein besseres Leben haben.

In diesem Teil von Bonewonda – die Viertel sind in Blöcke unterteilt – leben rund 600 Menschen. Viele seien Fischer, erklärt Jean Simon Kong (3. v. links) vom örtlichen Anwohnerverein. Eine weitere Einnahmequelle ist der Verkauf von Sand für Bauprojekte. Er wird von den Ufern des verzweigten Flusssystems geholt. Doch das wirft wenig ab; der Alltag ist eine Herausforderung.

Zusammenhalt ermöglicht Wandel

Umso wichtiger sei der Zusammenhalt, sagt Kong. Lange habe dieser gefehlt. Das habe sich durch den Kontakt zu Codas Caritas geändert. Neben beruflicher Bildung setzt sie sich für Verbesserungen in den Quartiers Populaires ein. „In Workshops haben wir gelernt, wie wir bei Behörden unsere Anliegen vortragen.“ Erste Ergebnisse sind sichtbar, denn mittlerweile gibt es Strom. Davon profitieren alle.

Vielerorts bleiben Viertel auf dem afrikanischen Kontinent ohne Strom und Wasser. „Sie sind sehr schlecht ausgestattet“, sagt Stadtplaner Nicolas Yene. Kritisch sei auch, dass es keine geregelte Müllabfuhr gebe. Wenn sich Abfälle stapeln, führt das zu Krankheiten bis hin zur Cholera. Da Land so knapp ist, wird außerdem jeder kleine Fleck bebaut – egal, ob einmal im Jahr ein Fluss über die Ufer tritt oder anderswo ein Erdrutsch droht.

In Bonewonda gibt es eine weitere Besonderheit. Gewohnt wird im Naturschutzgebiet. Deshalb kann es weder Baugenehmigungen geben noch können Anwohner Grundstücke kaufen. Leben in einer Grauzone. Das sorge für Unsicherheiten und Gebietsansprüche, sagt Kong. „Gerade gibt es ein paar Menschen, die sich als ‚Kinder des Dorfes‘ bezeichnen und Ansprüche auf das Land erheben.“ Eine Klärung sei bisher nicht in Sicht.

Geplant sei zudem, erzählen die Anwohner, eine Zufahrtsstraße zu schaffen. Einerseits verbessert das die Anlieferung von Waren – andererseits den Abriss von Häusern. Kommt es dazu, sollen die Betroffenen wenigstens eine Entschädigung erhalten, fordern die Anwohner. Diese Rechte zu kennen und einzufordern, ist ebenfalls ein Ergebnis der Zusammenarbeit mit Codas Caritas.

Es mangelt an Wohnraum

Doch das große Problem bleibt: Es mangelt an Wohnraum. Kameruns Bevölkerung wächst jedes Jahr um etwa 2,6 Prozent. Viele junge Menschen auf dem Land sehen keine Perspektive. Zwar ist Kamerun reich an Bodenschätzen und fruchtbarem Land, doch der Staat bleibt Rohstoffexporteur und ohne nennenswerte Industrie. So hat vor allem Douala, die größte Stadt des Landes, eine magische Anziehungskraft. „Doch die Stadt ist darauf nicht vorbereitet“, sagt Yene.

Mitte der 2010er Jahre wurde geschätzt, dass täglich 1.000 Menschen ankommen, um zu bleiben. Die beengten Wohnverhältnisse sind eine logische Folge. „Es ist die Armut, die die Menschen dazu zwingt“, sagt Mathias N’Zellé (1. v. links), der seit 1979 im Bonewonda lebt. Von den großzügigen Mangroven-Flächen ist wenig geblieben. Doch auch außerhalb der Stadt zu leben, ist keine Lösung. Für den heute dichten Verkehr sind die Straßen nicht geschaffen. Stundenlanges, kaum rentables Pendeln ist die Folge.

Die Not ist allgegenwärtig und wird trotzdem oft übersehen. So ging es auch Armand Nouwe, der seit 2013 bei Codas Caritas das Projekt zur Verbesserung für dicht besiedelte Stadtteile leitet. Kurz nachdem er seine Stelle angetreten hatte, erlebte er eine Zwangsräumung, denen die Quartiers Populaires bei Bauprojekten ebenfalls oft ausgesetzt sind.

„Bei uns hat eine Familie im Schnitt fünf Mitglieder“, sagt Nouwe. „Müssen sie von heute auf morgen ihr Haus verlassen, können sie oft nicht zusammenbleiben. Da sind selbst unserer afrikanischen Solidarität Grenzen gesetzt.“ Kinder könnten dann mitunter nicht mehr zur Schule gehen, Arbeitswege würden länger. Vor allem blieben die Erinnerungen an die Zerstörung des eigenen Heims. Immerhin: Die letzte Zwangsräumung in Douala liegt mehrere Jahre zurück; sie fand vor dem Afrika-Cup im Jahr 2021 statt. Trotzdem, sagt Nouwe: Weiterhin bleibt viel zu tun.



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