Hoffnung und Pläne, aber kaum Chancen. Das ist der Alltag von Kameruns Jugend. Mit Unterstützung aus Deutschland soll sich das ändern – durch gezielte Berufsausbildung.
Text und Bilder: Katrin Gänsler (KNA)
Charnelle Kouemene holt ihren Schlüsselbund aus der Handtasche. Sie steht vor ihrem kleinen Container, den sie pink, weiß und grün hat streichen lassen, und schließt die Schlösser auf. Es ist Mittag in Kameruns Wirtschaftsmetropole Douala, in der rund fünf Millionen Menschen leben. Vom viel befahrenen Boulevard des Nations Unies dringt der Verkehrslärm bis zu ihr.
Der kleine Schlüssel ist viel mehr als nur der Zugang zu ihrem Copyshop, den die 32-Jährige „Shine Design“ (Bild oben) genannt hat. Hier stehen zwei Kopiergeräte, ein Drucker, ein Laptop, mehrere Bildschirme. Das Geschäft hat ihr den Weg in eine bessere Zukunft als Kleinunternehmerin geebnet. Eröffnet hat Kouemene ihren Shop Ende 2023. „Menschen werden immer Fotokopien brauchen“, ist die Frau mit den langen, dünnen Zöpfen überzeugt. Außerdem gestaltet sie Flyer und lässt T-Shirts, Tassen und große Banner bedrucken.
Unterstützung erhielt Kouemene vom Diözesankomitee für soziale Aktivitäten in der Erzdiözese Douala – Codas Caritas – einer Partnerorganisation des katholischen Hilfswerks Misereor. In den vergangenen 20 Jahren haben mehr als 1.200 junge Kamerunerinnen und Kameruner so eine berufliche Ausbildung bekommen. Die Nachfrage ist allerdings um einiges höher.
Die Arbeit von Codas Caritas und die Berufsausbildung für junge Menschen stehen im Mittelpunkt der Misereor-Fastenaktion 2026, die am 22. Februar offiziell in Hofheim am Taunus eröffnet wurde. Das Motto lautet „Hier fängt Zukunft an“.

In Kamerun ist das ein schwieriges Unterfangen. Mit einem Durchschnittsalter von 19,4 Jahren ist das Land zwar jung und dynmanisch. Gleichzeitig drängen jährlich Zehntausende auf einen Arbeitsmarkt, der stagniert, kaum Anstellungen im formellen Sektor bietet, von Korruption und Vetternwirtschaft geprägt ist. Die kleine Elite um Staatschef Paul Biya, der seit 1982 an der Macht ist, tut ihr Übriges. Dabei wollten die jungen Menschen etwas erreichen und bewirken – auch für ihr Land, sagt Misereor-Bischof Stephan Burger bei einem Besuch im Land. „Ich hoffe, dass sie ihre Ziele verwirklichen.“
Charnelle Kouemene musste einige Umwege gehen. Nach dem Abitur 2014 studierte sie, brach das Studium ab, versuchte sich als Händlerin, war ein Jahr lang krank – ohne finanzielle Unterstützung. Die größte Herausforderung war jedoch eine andere: „Ich wusste gar nicht, was ich tun wollte.“ Heute lässt sie den Blick zuversichtlich durch ihr kleines Geschäft schweifen.
An beruflicher Orientierung fehlt es vielen jungen Menschen, denn Schulunterricht und universitäre Ausbildung bereiten nicht auf das Berufsleben vor. Arbeitgeber klagen über fehlende praktische Kenntnisse. Als Kouemene schließlich mit Codas Caritas in Kontakt kam, entstand der Wunsch, eine einjährige Ausbildung zur Erstellung von Infografiken zu absolvieren. Sie zeigt Flyer und Grafiken, die sie gestaltet hat. Eine solche Arbeit, sagt sie, sei gefragt und kreativ zugleich. „Mit Bildern kann man so viel aussagen.“
Es fehlt an beruflicher Orientierung
Bis zur Selbstständigkeit brauchte es aber noch mehrere Praktika, eine dreimonatige betriebswirtschaftliche Fortbildung und einen finanziellen Vorschuss, um den ersten Drucker zu kaufen. Auch daran scheitert der Start in die Selbstständigkeit oft: Jungen Menschen fehlen mitunter nur zwei- oder dreihundert Euro, um Arbeitsmaterial anzuschaffen. Doch Banken gewähren ohne Sicherheiten wie Grundstücke keine Kredite.
Für Codas Caritas ist die Berufsausbildung junger Menschen seit Jahrzehnten zentral. Ein erstes Projekt mit sieben Jugendlichen begann bereits vor fast 30 Jahren, wie Direktor Léon Yanda erzählt. Immer mehr junge Menschen hatten sich im Laufe der Jahre an die Erzdiözese gewandt, dort ihre Zukunftsängste vorgetragen. Der Staat widmete sich dem Problem aber erst viel später. „Vor zehn Jahren begann er, Berufsausbildungsstätten zu schaffen. Bis heute reichen diese aber überhaupt nicht aus. Deshalb sind private Zentren entstanden“, erläutert Yanda.
Dazu gehört „La Salle“. In dem strahlend gelben Gebäude im Zentrum Doualas wird in handwerklichen wie technischen Berufen ausgebildet. Praktische Erfahrung sammeln die Schüler in den verschiedenen Lehrwerkstätten.
In der Autowerkstatt steht die 16-jährige Princesse Djuikui. Sie trägt einen Blaumann und hat einen Schraubenzieher in der Hand. Ihr Ausbilder Sévérin Kuate erklärt ihr und den Mitschülern gerade etwas zu einer Schraubverbindung. Das Ausbildungsumfeld könnte kaum besser sein. Überall stehen zerlegte Autos, Motoren; Hebebühnen ermöglichen den Blick unter das Fahrzeug.

Anders als viele andere Jugendliche hat Princesse Djuikui schon einen konkreten Plan für ihre Zukunft: „Autos haben mich immer begeistert.“ Sie hat vor, das technische Abitur zu machen, möchte anschließend in Kanada studieren und später selbst Autos entwerfen. Bei der Vorstellung strahlt sie. Die praxisnahe Ausbildung werde ihr dabei helfen, ist sie überzeugt.
Bei allen Ansätzen, um junge Menschen in Arbeit zu bringen, bleibt eine Herausforderung: alte, verkrustete Strukturen. Léon Yanda sagt: „Im Land gibt es zu viel Unsicherheit; Unternehmen wollen nicht investieren.“ Für ausländische Firmen seien die Steuern hoch, hinzu komme die Bürokratie. „Vielleicht ändert sich das, wenn das Regime einmal wechselt.“ Zu Hause sitzen und auf bessere Zeiten hoffen, das wolle aber niemand. „Die jungen Menschen wollen eine Ausbildung, eine Arbeit.“ Selbst ein kleines Einkommen könne beträchtliche Chancen bieten.
In ihrem Copyshop atmet Charnelle Kouemene tief durch. Auch wenn nicht jeder Monat gleich gut läuft, blickt sie dank der Selbstständigkeit gelassen in die Zukunft. Im Schnitt blieben umgerechnet rund 130 Euro zum Leben. „Heute bin ich es, die das Portemonnaie holt, wenn jemand in der Familie Unterstützung braucht“, sagt Kouemene stolz – ein gutes Gefühl.
„Hier fängt Zukunft an“: Misereor-Fastenaktion 2026
Mehr Informationen zur Fastenaktion von Misereor finden Sie hier:





