Europa ist stolz auf sein großes Kulturerbe. Klar – das muss man doch erhalten! Aber wie schwierig das in der Breite ist, belegt eine Liste bedrohter Stätten, die der Denkmalschutzverbund „Europa Nostra“ vorgelegt hat.
Sie alle haben eine lange und große Geschichte hinter sich – ja, aber eben: hinter sich. „Europa Nostra“, ein 1963 gegründeter Denkmalschutzverbund, hat am Donnerstag in Den Haag eine Liste bedrohter Baudenkmäler aus Europa vorgestellt. Es geht nicht um die ganz großen Adressen, sondern, zwei bis drei Stufen tiefer, um prägnante Bauten, die zwar typisch für ihre Region oder ihre Zeit sind – an denen die Behörden vor Ort aber das Interesse verloren haben oder ihnen durch anderweitige Interessen zu Leibe rücken wollen.
Die alljährlich erscheinende Siebener-Liste mit Gebäuden aus ganz Europa ist eine Art letzter Hilferuf, bevor das eine oder andere von ihnen ganz zerfallen, verstümmelt oder eingerissen werden könnte. Sie werden nun wohl konkret finanziell unterstützt – und erhalten zudem eine neue öffentliche Lobby. Denn „Europa Nostra“ vertritt die Interessen von mehr als 400 Nichtregierungsorganisationen und Privatpersonen aus 45 Ländern gegenüber EU, Europarat und Unesco. Langjähriger Präsident ist der spanische Operntenor Plácido Domingo (85).
Tatsächlich macht die Liste neugierig auf Europa – und zugleich betroffen. Dass fast jeder zweite Eintrag in Mittel- und Osteuropa und somit jenseits des einstigen Eisernen Vorhangs liegt, mag man als Erbe des langen 20. Jahrhunderts noch erwarten. Aber dass sich auch das touristische Malta oder das wohlhabende Luxemburg stark vernachlässigte Kulturdenkmäler leistet, belegt, wie schwierig der Erhalt von Kulturerbe in der Breite geworden ist.
Das Dorf Katapola und die antike Stadt Minoa auf der Kykladeninsel Amorgos sind wichtige Zeugen von Griechenlands und Europas Kulturerbe. Geplante großflächige Hafenausbauten bedrohen diese fragile Kultur- und Geschichtslandschaft unmittelbar. Dagegen mobilisieren inzwischen Anwohner, Denkmalpfleger und Umweltorganisationen.
Im Dorf Feked im Süden Ungarns ist die Fabri-Wassermühle ein seltenes Zeugnis eines ländlichen Industrieerbes. Die 1788 von deutschen Siedlern am Bach Karasica erbaute Mühle verkörpert jahrhundertealten Wissenstransfer, technisches Können und Tradition. Reich an kulturellen Details, bieten die Mühle und ihre Nebengebäude einen Einblick in alte Mühlengemeinschaften. Doch der derzeitige Zustand ist kläglich: Baufälligkeit, Überschwemmungen und Leerstand bedrohen den Erhalt.
Ein monumentales Beispiel für Europas Industrieerbe ist die Gebläsehalle im luxemburgischen Esch-sur-Alzette. Die 1910 zur Erzverarbeitung erbaute Halle liegt im Unesco-Biosphärenreservat Minette und bietet die Chance auf einen erfolgreichen Übergang von der Schwerindustrie zu nachhaltiger Stadtentwicklung. Die Gebläsehalle bedarf dringend einer Sanierung, um künftig als dynamisches Zentrum für Hochschulbildung, Wissenschaft, Kultur und das gesellschaftliche Leben zu funktionieren.
Auch geschichtsträchtige Kirche betroffen
Zeugnis von Maltas vielschichtiger Militär- und Sozialgeschichte legt die britische Kaserne in Fort Chambray ab; sie ist das einzige erhaltene Beispiel britischer Militärwohnungen auf der Insel. Die im 19. Jahrhundert in einer älteren Festungsanlage errichtete Kaserne bietet einen seltenen Einblick in das Familienleben unter britischer Herrschaft. Laut einer behördlichen Genehmigung von 2024 könnten nun bis zu 85 Prozent der Bauten abgerissen werden, um Platz für eine moderne Wohn- und Hotelbebauung zu schaffen.
Die Pulverfabrik Vale de Milhaços im portugiesischen Seixal gehört zu den außergewöhnlichsten Industrieanlagen Europas. Vom späten 19. Jahrhundert bis 2002 mit Dampf betrieben, enthält der Komplex Originalgebäude, Werkstätten und uralte Dampfmaschinen zur Herstellung von Schwarzpulver – nicht für Kriegszwecke, sondern für Bergbau und Bauwesen. Neben seinem wirtschaftsgeschichtlichen Wert ist der Fabrikkomplex eine ökologische Enklave, in der zuletzt 682 Arten erfasst wurden. Doch es gibt dringenden Handlungsbedarf: Bauschäden, Vandalismus und invasive Vegetation gefährden Gebäude und historische Maschinen – dabei gibt es Pläne zur Umnutzung als Kultur-, Bildungs- und Wissenschaftszentrum.
Die reformierte Kirche von Santamaria Orlea (deutsch Mariendorf) in Rumänien gehört zu den ältesten Steinkirchen Siebenbürgens. Angesiedelt am Übergang von der Romanik zur Gotik, besitzt sie eine seltene Reihe von Wandmalereien von 1311 bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts – unrestauriert. Sie spiegeln den jahrhundertelangen Kulturaustausch zwischen westlichen, byzantinischen und lokalen Traditionen wider. Trotz über 700 Jahren ununterbrochener liturgischer Nutzung ist die Kirche durch Feuchtigkeit, Risse, abblätternde Fresken und unzureichende Dachreparaturen ernsthaft bedroht.
Die Brauerei Weifert im serbischen Pancevo wurde 1722 gegründet und ist damit die älteste Brauerei auf dem Balkan – und Pionier der dampfbetriebenen Bierherstellung in Südosteuropa. Eng verbunden mit der Kultur- und Wirtschaftsentwicklung des Banats innerhalb der österreichisch-ungarischen Monarchie, fungierte sie nicht nur als industrielles Wahrzeichen, sondern auch als lebendiges Kulturzentrum, das fest in der lokalen Gemeinschaft verwurzelt war.
Inzwischen ist der Industriekomplex aber durch lange Vernachlässigung und Verfall, Maschinendiebstahl, Überschwemmungen und Extremwetter akut bedroht. Starkes Engagement der lokalen Bevölkerung zeugt von einem klaren Bekenntnis zum Erhalt der Brauerei – doch die Größe des Geländes erfordert auch öffentliche wie private Investitionen.
Nur sieben Beispiele von Hunderten, wohl Tausenden. Diesen sieben Baukomplexen könnte es bald wieder besser gehen. Doch dem Denkmalschutz in Europa werden die Aufgaben keinesfalls ausgehen.
Text und Bild: Alexander Brüggemann (KNA)







