Während einer mehrtägigen Reise hat der Weltkirche-Beauftragte der deutschen Bischöfe mit Vertretern aus Politik und Kirche in Syrien gesprochen. Welchen Kurs das Land einschlägt, ist für ihn offen.
Text: Burkhard Jürgens (KNA) | Bild: Julia Steinbrecht (KNA)
Der Vorsitzende der Weltkirche-Kommission der katholischen deutschen Bischöfe, Bertram Meier, hat sich in Syrien ein Bild von der Lage gemacht. Zum Abschluss der Reise zeichnet der Augsburger Bischof im Interview der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) das Bild eines fragilen Landes. Ohne Sicherheit und Perspektiven sei eine Rückkehr für viele Menschen keine Option. Die Kirchen stehen vor einer starken Abwanderung, einem schwierigen Verhältnis zur Vergangenheit und einer ungewissen Zukunft.
Frage: Herr Bischof, wie gut geht es den Kirchen in Syrien augenblicklich?
Bischof Dr. Bertram Meier: Die Kirchen stehen vor enormen Herausforderungen. Von den einst rund 1,5 Millionen Christinnen und Christen leben heute nur noch schätzungsweise zwischen 250.000 und 400.000 im Land. Die Gemeinden sind klein geworden, aber sie sind lebendig, engagiert und tief verwurzelt. Ich habe eine große geistliche Kraft erlebt und zugleich eine tiefe Erschöpfung. Viele Verantwortliche stehen unter hohem Druck: Sie versuchen, kirchliches Leben aufrechtzuerhalten, soziale Verantwortung zu übernehmen und zugleich ihren Gläubigen Halt in einer Zeit großer Unsicherheit zu geben. Die Kirchen sind eine kleine Herde, aber eine profilierte.
Frage: Wie stark spüren die Kirchen noch die Folgen von 13 Jahren Bürgerkrieg?
Meier: Sehr stark. Die materiellen Zerstörungen sind vielerorts sichtbar, noch gravierender aber sind die seelischen Wunden. Fast jede Familie hat Verluste erlitten, viele Menschen leben in großer Armut, Inflation und Perspektivlosigkeit prägen den Alltag. Besonders schmerzhaft ist die massive Abwanderung junger Menschen. Die Kirchen spüren diese Auszehrung unmittelbar: Gemeinden schrumpfen, Klöster stehen teilweise leer, und zugleich wächst die Verantwortung für Bildung, soziale Hilfe und Versöhnungsarbeit.
Frage: Ist es sowohl verantwortbar als auch realistisch, dass syrische Geflüchtete jetzt zurückkehren sollen?
Meier: Ich halte pauschale Rückkehrforderungen für problematisch. Die Lage im Land ist hochkomplex und bleibt instabil. Viele Menschen haben sich im Ausland eine neue Existenz aufgebaut, andere fürchten um ihre Sicherheit oder sehen keine wirtschaftliche Perspektive. Rückkehr kann nur so weit wie möglich freiwillig geschehen, und sie braucht tragfähige Rahmenbedingungen: Sicherheit, Zugang zu Bildung und Arbeit sowie gesellschaftliche Teilhabe. Solange diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, bleibt Rückkehr für viele keine realistische Option.
Ich halte pauschale Rückkehrforderungen für problematisch.
Weltkirche-Bischof Dr. Bertram Meier
Frage: Was sind deutsche Bistümer bereit zu tun, damit die Situation in Syrien für alle, auch die Christen, besser wird?
Meier: Unsere Solidarität erschöpft sich nicht in Worten. Die Kirche in Deutschland unterstützt seit Jahren konkrete Projekte, etwa im Bildungsbereich, in der sozialen Arbeit und durch humanitäre Hilfe. Über kirchliche Hilfswerke werden Schulen, Gesundheitsangebote und karitative Initiativen gefördert. Ich hebe hier vor allem das Wirken von Caritas international hervor. Wichtig ist mir auch die geistliche Dimension: Wir bleiben verbunden im Gebet und in ökumenischer Gemeinschaft. Gleichzeitig setzen wir uns politisch dafür ein, dass die Lage der Minderheiten international nicht aus dem Blick gerät. Die Botschaft lautet: Wir lassen euch nicht allein!
Frage: Haben Sie bei Ihrer Begegnung mit der Übergangsregierung vertrauenswürdige Gesprächspartner gefunden?
Meier: Ich habe Gesprächsbereitschaft erlebt, zugleich bleibt vieles offen. Die neue Regierung signalisiert, dass sie den Kontakt zu allen Religionsgemeinschaften sucht und sich international öffnen möchte. Ob diesen Worten auch dauerhaft Taten folgen, wird sich erst zeigen müssen. Niemand vermag heute zu sagen, wie lange Syrien auf diesem Kurs bleibt. Genau das ist auch für die Kirchen das zentrale Problem: Orientierung in einer Situation, die politisch wie gesellschaftlich weiterhin sehr fragil ist. In unseren Gesprächen wurde anerkannt, dass es Ansätze zu einem pragmatisch-inklusiven Vorgehen gibt, zugleich wurde aber auch beklagt, dass konkrete Ankündigungen bislang nicht immer eingehalten wurden.
Frage: Christen hatten unter der Familie al-Assad ein vergleichsweise sicheres Leben. Kirchenvertreter bestritten, dass Baschar al-Assad Verbrechen gegen die Menschlichkeit an seiner eigenen Bevölkerung verübt habe. Sehen Sie bei Ihren kirchlichen Gesprächspartnern so etwas wie eine kritische Revision ihres Verhältnisses zum früheren Regime?
Meier: Ich habe wahrgenommen, dass manche Gesprächspartner die Zeit unter Assad ambivalent betrachten. Viele trauern dem Regime nicht nach, zugleich sagen sie, dass kirchliches Leben damals möglich war und man Handlungsspielräume hatte. Heute dominiert der Blick nach vorn: Die entscheidende Frage ist, wie Syrien künftig aussehen wird. Zugleich ist spürbar, dass die Kirchen sensibler geworden sind für ihre gesellschaftliche Verantwortung. Sie wissen, dass sie, gerade als Minderheit, Profil zeigen müssen: für Menschenwürde, Religionsfreiheit und ein friedliches Zusammenleben aller Gruppen.






