Trauerfeier in Meitar. Bild: Andrea Krogmann/KNA

Israel bestattet den letzten Verschleppten der Hamas

Es ist der symbolische Abschluss einer traumatischen Zeit. Mit Ran Gvili ist die letzte der verbliebenen toten Geiseln zurück aus dem Gazastreifen. Manche wollen jetzt Aufklärung. Netanjahu verspricht weiteren Kampf.

Von Andrea Krogmann (KNA) | Bild: Andrea Krogmann/KNA

Monate der Unsicherheit, der Hoffnung, des Wartens sind zu einem Ende gekommen: Am Mittwoch beerdigte Israel die letzte Geisel des Angriffs der Hamas vom 7. Oktober 2023. Ran Gvili, Mitglied einer Spezialeinheit der Polizei, wurde in seinem Heimatort Meitar im Süden Israels zur letzten Ruhe geleitet. Er wurde 24 Jahre alt. Vertreter der Institutionen und Hunderte Israelis nahmen Abschied.

Polizisten in großer Zahl geleiteten am Mittwoch den Sarg mit den sterblichen Überresten Gvilis von Ramla in Zentralisrael nach Meitar, wo sich Hunderte in ungewöhnlicher Stille im örtlichen Sportstadion versammelt haben. Es ist ein kalter, ein windiger Tag, Wolken kündigen Regen an. Als der Sarg auf den Schultern von Kollegen hereingetragen wird, kommt die Sonne durch. „Du bist als erster losgezogen und als letzter heimgekehrt“, sagt die trauernde Mutter in einer emotionalen Rede. Die Hoffnung, dass Ran „auf beiden Beinen oder auch nur einem“ wiederkomme, habe der Familie Kraft gegeben.

Nach der Mutter sprechen der Vater, die Geschwister, die engsten Freunde. Stolz ist das dominierende Wort; „Stolz, der größer ist als der enorme Schmerz“, wie es Rans Bruder Omri formuliert; ein Stolz nicht nur der Familie und Freunde, sondern „des ganzen Volkes“, ein Stolz, der dazu auffordere, „so zu sein wie Rani“.

Ran Gvili litt noch an den Folgen eines Motorradunfalls, hatte eine gebrochene Schulter, als am 7. Oktober 2023 islamistische Terroristen mehrere israelische Orte und ein Musikfestival überfielen, rund 1.200 Menschen teils bestialisch massakrierten und weitere 251, teils tot, teils lebendig als Faustpfand in den Gazastreifen entführten. Gvili, damals im Kibbuz Alumim, kämpfte gegen die Angreifer, buchstäblich bis zur letzten Patrone, wie Ministerpräsident Benjamin Netanjahu in seiner Rede betont. Dann wurde auch er verschleppt.

„Ich habe alles getan, habe überall gesprochen, vor den UN, vor dem US-Kongress“, sagt Schira, die Schwester. „Bist du stolz auf mich, Rani?“ Die Frage erstickt in ihren Tränen. Und Omri erinnert sich: Bei ihrem letzten Telefonat, an jenem 7. Oktober um 10.45 Uhr, habe sein Bruder mit dem Versprechen aufgelegt zurückzurufen, sobald er erledigt habe, was zu tun sei. „Auf diesen Anruf warte ich bis heute“, sagt Omri. Heute schließt sich der Kreis.

Es sei „mit einem lachenden und einem weinenden Auge“, dass sie aus Beerscheba zur Trauerfeier gekommen sei, sagt Lili, eine langjährige Freundin der Familie Gvili, als Teilnehmerin in der Menge. Sie ist in eine israelische Fahne gehüllt, die die gelbe Schleife zeigt – seit dem „schwarzen Schabbat“ Symbol der 251, die in den Gazastreifen verschleppt wurden.

„Rani ist zurück, als Held, aber leider im Sarg“, sagt Lili. Bis zum Schluss habe man gehofft, auch wenn die Behörden am 31. Januar 2024 die Angehörigen über den Tod Gvilis informierte. Jetzt herrscht nicht nur Gewissheit. „Jetzt haben wir Luft zum Atmen, die wir zweieinhalb Jahre nicht hatten. Jetzt können wir zur Ruhe kommen. Aber das Loch im Herzen bleibt.“

„Wir hofften alle auf einen besseren Ausgang“, sagt Maja, eine Studentin. Sie ist in Meitar aufgewachsen, mit Rans Schwester Schira zur Schule gegangen. Ran, so erinnert sie sich, „war ein toller Kerl, der niemandem etwas getan hat“. Die Nachricht von seinem Tod sei traurig gewesen, am traurigsten aber, „dass die Familie keinen Frieden findet, weil sie die Leiche ihres Sohnes nicht sehen kann. Jetzt ist er zurückgekehrt. Die Familie hat jetzt einen Ort, an den sie gehen kann.“

Und auch eine Erwartung hat Maja an Politik und Gesellschaft: Nachdem nun keine Geisel mehr in Gaza ist, müsse eine Aufarbeitung erfolgen. „Mein Beitrag als Bürgerin dieses Landes: Ich habe die Pflicht, keine Angst zu haben“, sagt sie, die nach dem 7. Oktober bewusst in einen Kibbuz an der Grenze zum Gazastreifen gezogen ist. Als Bürger wollten sie ihr Leben zurückhaben; den Frieden, den sie verdient hätten, sagt Maja. „Und dieser Frieden wird mit Antworten kommen.“

Eine eigene Antwort gibt Regierungschef Netanjahu in seiner Trauerrede. Israel habe versprochen, alle Geiseln nach Hause zu holen. Er habe daran geglaubt und entsprechend gehandelt, und mit Erfolg. Das sei jedoch noch nicht das Ende des Kampfes. Der Kampf, sagt Netanjahu, endet erst mit dem Sieg über die Hamas.

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