Extreme Minderheitensituation und ein Leben im Schatten des Ukraine-Krieges: Philippe Jourdan steht als Bischof von Tallinn vor großen Herausforderungen. Im Interview zum Diaspora-Sonntag berichtet er, wie er damit umgeht – und warum die Kirche in Estland wächst.
Frage: Seit fast fünf Jahren tobt der Krieg in der Ukraine. Sowohl in den USA als auch in Deutschland gibt es in manchen politischen Kreisen die Tendenz, die Situation in der Ukraine auszublenden – einem Land, das von Russland völkerrechtswidrig angegriffen wurde. Welche Auswirkungen hat der Krieg in der Ukraine auf Estland?
Bischof Philippe Jourdan: Der Krieg in der Ukraine hat enorme Auswirkungen auf Estland. Das liegt zunächst daran, dass die Esten seit vielen Jahren, vielleicht sogar seit dem Ende der Sowjetunion, stets eine mögliche Rückkehr der früheren Besatzungsmacht befürchtet haben. Vor einigen Jahren erschien diese Angst vielen noch wie eine seltsame Obsession der Menschen im Baltikum. Leider sehen wir heute, dass diese Befürchtung durchaus Realität werden könnte. Wir hoffen und beten jedoch, dass es nicht dazu kommt. Hinzu kommt, dass eine große Zahl ukrainischer Flüchtlinge in Estland lebt – etwa fünf bis sieben Prozent der Gesamtbevölkerung. Sie sind hier sehr willkommen. Und schließlich wirken sich die aktuellen Probleme zwischen der estnischen Regierung und der russisch-orthodoxen Kirche in Estland auf alle Kirchen aus. Auch diese Spannungen sind weitgehend eine Folge des Krieges.
Frage: Die katholische Kirche in Estland ist klein: Von den 1,2 Millionen Einwohnern des Landes sind 0,5 Prozent katholisch. 60 Prozent der Menschen in Estland gehören keiner christlichen Konfession an. Wie würden Sie die aktuelle Situation der katholischen Kirche in Estland beschreiben? Wir haben gehört, dass eine weitere, also eine neue Pfarrei gegründet werden soll. Stimmt das?
Jourdan: Die aktuellen Zahlen sehen etwas anders aus. Estland hat knapp 1,4 Millionen Einwohner, um genau zu sein 1.370.000. Laut der jüngsten, im Juli 2026 von der Regierung veröffentlichten Untersuchung zur religiösen Identität der estnischen Bevölkerung sind zwischen einem und zwei Prozent der Einwohner katholisch. Es bezeichnen sich mehr Menschen als katholisch, als wir tatsächlich in unseren Gemeinden antreffen. Das ist allerdings normal in einem Land, in dem es nicht überall katholische Kirchen gibt. Die Katholiken in Estland sind zunächst einmal Esten, daneben gehören viele der russischsprachigen Minderheit an, die rund 25 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht.
Seit einigen Jahren kommen auch Menschen aus anderen Ländern hinzu, obwohl Estland leider nach wie vor eher ein Auswanderungs- als ein Einwanderungsland ist. Deshalb feiern wir inzwischen in Tallinn und Tartu jeweils auch eine Heilige Messe in englischer Sprache. Die katholische Kirche wächst in Estland langsam, aber stetig. Im vergangenen Jahr haben wir in Tartu eine neue griechisch-katholische Pfarrei für Tartu und Südestland gegründet. In diesem Jahr haben wir außerdem begonnen, einmal wöchentlich einen Gottesdienst in der neuen lutherischen Kirche im Stadtteil Mustamäe im Westen Tallinns zu feiern. Dort leben etwa 100.000 Menschen. Während der Sowjetzeit wurde in diesem Stadtteil keine einzige Kirche gebaut. Wir hoffen, dass aus dieser Gottesdienstgemeinschaft einmal eine eigene Pfarrei entsteht.
Frage: In vielen europäischen Ländern steigt die Zahl der Erwachsenentaufen. Besonders junge Erwachsene interessieren sich zunehmend für die Botschaft des Evangeliums. Was bewegt diese Menschen? Wonach suchen sie? Welche Fragen stellen sie?
Jourdan: In diesem Jahr haben rund 120 Erwachsene in unserer Kathedralpfarrei das Katechumenat begonnen. Das sind doppelt so viele wie im vergangenen Jahr und dreimal so viele wie vor zwei Jahren. Das stellt uns vor eine große Herausforderung. Ich bin kein Soziologe, aber ich sehe vor allem zwei Gründe für diese Entwicklung. Zum einen haben die Corona-Pandemie und der anschließende Krieg in der Ukraine, dessen Verlauf hier alle Menschen Tag für Tag verfolgen, bei vielen den Wunsch geweckt, nach einem tieferen Sinn ihres Lebens zu suchen. Zum anderen gilt es gerade unter jungen Menschen inzwischen nicht mehr als sonderbar, nach einer religiösen Identität zu suchen. Im Gegenteil: Religion wird zunehmend als etwas Zeitgemäßes wahrgenommen, und ein klares religiöses Bekenntnis kann sogar als Zeichen einer starken Persönlichkeit gelten.
Natürlich gibt es auch Menschen, die behaupten, die Zahl der Erwachsenentaufen steige nur deshalb, weil weniger Kinder getauft würden. Auf Estland trifft das jedoch nicht zu, denn schon zu Sowjetzeiten gab es hier nur wenige Taufen. In Frankreich beispielsweise mag dieser Zusammenhang eher eine Rolle spielen. Was sich jedoch nicht leugnen lässt, ist die Tatsache, dass der christliche Glaube in einem Land mit einer so langen christlichen Geschichte heute für erstaunlich viele junge Erwachsene eine große Anziehungskraft besitzt. Das ist eine neue Entwicklung.
Frage: Wie entwickelt sich die katholische St.-Michaels-Schule in Tallinn, die vom Bonifatiuswerk gefördert wurde?
Jourdan: Wir haben inzwischen eine zehn Jahre alte katholische Schule in Tallinn, die St.- Michaels-Schule mit rund 300 Schülerinnen und Schülern, sowie eine katholische Schule in Tartu, die bereits seit 33 Jahren besteht und zusammen mit dem Kindergarten etwa 600 Kinder betreut. Christliche Schulen sind in Estland natürlich etwas Neues, denn während der Sowjetzeit gab es keine Privatschulen. Die St.-Michaels-Schule in Tallinn wächst weiter. Dank der Unterstützung des Bonifatiuswerkes, aber auch der Stadt Tallinn, können die Renovierungsarbeiten hoffentlich noch in diesem Jahr abgeschlossen werden.
Daneben gibt es in Tallinn die wesentlich größere Altstadtschule mit rund 1.500 Schülerinnen und Schülern. Sie wurde vor 40 Jahren von Katholiken gegründet, befindet sich heute in kommunaler Trägerschaft und hat offiziell ein christliches Profil. Mit dieser Schule verbindet uns eine jahrzehntelange Zusammenarbeit. Für uns sind die katholischen Schulen in Tartu und Tallinn ein außerordentlich wichtiger Weg der Evangelisierung. Bei uns dagegen sind die katholischen Schulen gewissermaßen das sichtbare Gesicht der katholischen Kirche in der Gesellschaft. 585.000 Euro sind zweifellos sehr viel Geld. Aber es ist die beste Investition in die Zukunft der katholischen Kirche in unserem Land. Im Laufe der Jahrzehnte haben Hunderte, vielleicht sogar Tausende estnische Familien die katholische Kirche durch diese Schulen kennengelernt.
Frage: Wie ist es um die Ökumene in Estland bestellt?
Jourdan: Die Ökumene spielt in Estland eine sehr wichtige Rolle. Wir haben einen Estnischen Rat der Kirchen, dessen Vizepräsident ich bin. Den Vorsitz hat der lutherische Erzbischof inne. Wir treffen uns jeden Monat mit den Leitern aller Mitgliedskirchen. Ich kann sagen, dass uns eine echte Freundschaft und gegenseitige Wertschätzung verbinden. Das wirkt sich sicherlich auch positiv auf die Gemeinden und ihre Mitglieder aus. Wir teilen miteinander die Freuden – beispielsweise waren alle Mitgliedskirchen bei der Seligsprechung von Erzbischof Profittlich vertreten – und ebenso die Sorgen und Schwierigkeiten. Derzeit erleben wir etwa eine sehr schwierige Situation im Verhältnis zur russisch-orthodoxen Kirche.
Frage: Vor etwas mehr als einem Jahr wurde der deutsche Jesuit Eduard Profittlich, der frühere Erzbischof von Tallinn, seliggesprochen. Welche Bedeutung hat dieser Meilenstein für die katholische Kirche in Estland?
Jourdan: Das war ein außerordentlich wichtiger Moment – nicht nur für die katholische Kirche in Estland, sondern für die gesamte estnische Gesellschaft. Der Tod von Erzbischof Profittlich ist nicht nur ein Zeugnis des Martyriums, sondern zugleich ein Symbol für das tragische Schicksal des estnischen Volkes während der stalinistischen Deportationen und Verfolgungen. Deshalb haben wir bei dieser Gelegenheit auch an die 23.000 Esten erinnert, die in Gefängnissen ums Leben gekommen sind – jeden Einzelnen mit seinem Namen. Uns war wichtig, auf diese Weise die gesamte estnische Gesellschaft einzubeziehen: nicht nur Katholiken oder Christen, sondern auch Menschen, die keiner Religion angehören.
Die Seligsprechung hat deutlich gemacht, wie tief die katholische Kirche in Estland verwurzelt ist. Denn Eduard Profittlich entschied sich, in Estland zu bleiben, als viele andere das Land verließen. Er wollte bleiben und das Schicksal so vieler Esten teilen. Er war Este – nicht durch das Blut, das er empfangen hatte, sondern durch das Blut, das er hingab. Heute erleben wir, dass sich immer mehr Menschen für das Leben des seligen Eduard Profittlich interessieren und ihn um seine Fürsprache bitten. Menschen aus Brasilien, von den Philippinen, aus Afrika und vielen anderen Teilen der Welt schreiben uns und bitten um ein Bild oder eine Reliquie von ihm. Wir wissen oft überhaupt nicht, wie diese Menschen von ihm erfahren haben. Gott wirkt auf seine Weise, langsam und stetig!
Text: Hartmut Salzmann/Bonifatiuswerk | Bild: Hartmut Salzmann/Bonifatiuswerk







