Mit der Moskauer „Nowaja Gazeta“ stirbt die Pressefreiheit in Russland. Nur im Lokalen lassen sich manchmal noch Freiräume behaupten – aber nur, wenn man Wladimir Putin und den Kreml außen vor lässt.
Text: Varvara Tarasova/KNA | Bild: dr/weltkirche.de
Der 9. November 2026 markiert eine herbe Zäsur in der sich rasant verändernden russischen Medienwelt: An diesem Tag geht das Licht in den Moskauer Redaktionsräumen der „Nowaja Gazeta“ aus. Seit 29 Jahren produzierte die letzte unabhängige, kremlkritische Zeitung Russlands dort ihre, seit dem Verlust der Medienlizenz 2022 immer seltener und nur in geringer Auflage erscheinenden, Printausgaben.
Doch jetzt ist damit endgültig Schluss. Was in einer Aufbruchstimmung mit der allerersten Nummer am 1. April 1993 seinen Anfang nahm, endet angesichts der festgefahrenen repressiven Rahmenbedingungen ohne realistische Zukunftsaussichten auf einen Neubeginn.
So verabschiedet sich eine über drei Jahrzehnte andauernde Epoche des oppositionellen Journalismus in Russland. Deren von Staats wegen beförderter Niedergang ließ sich angesichts der sukzessiven Einschränkung der Pressefreiheit allerdings schon seit langem beobachten – genau genommen seit der Machtübernahme des russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Mit Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine im Februar 2022 haben sich die Grundlagen für journalistisches Arbeiten in Russland derart drastisch verschlechtert, dass nicht nur kritische Äußerungen hinsichtlich der Kriegsführung, sondern auch in Bezug auf etliche weitere Themen unter Strafe stehen. Die Behörden machen von strafrechtlicher Verfolgung ausgiebig Gebrauch: Dutzende Journalisten befinden sich derzeit in Haft. Sämtliche noch existierende private Fernsehsender, die politische Inhalte transportieren, stehen unter strenger staatlicher Aufsicht.
Neben reiner Unterhaltung bietet das russische Fernsehen reichlich aktuelle Berichterstattung, allerdings oft derart tendenziös aufbereitet, dass man sie als Propagandainstrument bezeichnen kann. 44 Prozent der Bevölkerung schalten den Fernseher täglich ein.
Dass Menschen in Russland nach wie vor Nachrichten größtenteils aus dem Fernsehen beziehen, liegt in erster Linie an den Sehgewohnheiten der Generation über 55 Jahre. Bei den nachfolgenden Generationen verlagert sich das Gewicht zugunsten anderer Informationsquellen – je jünger, desto mehr stehen Social Media und Messengerdienste im Vordergrund. Das wirkt sich auch auf den Nachrichtenkonsum aus.
Um den Printbereich ist es nicht nur aufgrund niedriger Auflagen schlecht bestellt. Im Durchschnittssortiment der Zeitungskioske bilden lesenswerte Blätter die absolute Ausnahme. Eines davon ist die Tageszeitung „Kommersant“, die dem Unternehmer Alischer Usmanow gehört, den die Europäische Union im September von ihrer Sanktionsliste strich.
Im Oppositionsspektrum ließ sich die Zeitung allerdings nie verorten. Ihre Besonderheit liegt im distanzierten und betont sachlichen Stil der veröffentlichten Artikel. Außerdem legt die Redaktion Wert auf einen gründlichen Faktencheck. Offene Kritik an Russlands Krieg in der Ukraine wird man dort zwar vergeblich suchen, aber auch keine zur Schau getragene Unterstützung finden, wie es etwa die Zeitung „Komsomolskaja Prawda“ praktiziert.
Doch interessieren sich viele Menschen ohnehin nicht ausschließlich für weltbewegende politische Themen, sie legen ihr Augenmerk gern auf Lokales. Für Regionalzeitungen galt lange die ungeschriebene Regel, den Kreml in der Berichterstattung außen vor zu lassen, während Kritik an den Zuständen vor Ort aus Moskau nicht oder nur sehr eingeschränkt sanktioniert wurde.
Abgesehen von kriegsrelevanten Inhalten trifft dies immer noch zu. Die Grenzen des Möglichen müssen ausgelotet werden. Weiß man, diese Chance zu nutzen, bleiben zumindest auf lokaler Ebene gewisse Freiräume.
Wie viel Freiheit sich die jeweiligen Redaktionen herausnehmen, liegt an ihnen. Besonders heraus sticht 161.ru aus Rostow am Don. Dort scheut man sich nicht davor, brisante Themen anzugehen. Regelmäßig sorgen Recherchen und Meinungstexte von 161.ru für heftige Diskussionen. So beispielsweise ein kritischer Artikel über das neueste Geschichtslehrbuch für Schüler, in dem die üblichen abstrusen Kreml-Narrative verbreitet werden.
Glamour und die demonstrativ vorgetragene Überzeugung, sich in einem unfreien System angeblich alle Freiheiten der Welt nehmen zu können, sind das Metier von Ksenija Sobtschak. Die Tochter des ehemaligen Bürgermeisters von Sankt Petersburg, Anatolij Sobtschak (1937-2000), Anfang der 1990er Jahre Ziehvater des heutigen russischen Präsidenten Wladimir Putin, unterhält ein eigenes Medienimperium, wobei sie in erster Linie auf Social-Media-Plattformen wie Youtube oder Telegram setzt, wo sie ein Millionenpublikum erreicht.
Zweifelsfrei genießt die frühere Fernsehmoderatorin, die zeitweise mit der russischen Opposition liebäugelte, einen Sonderstatus im russischen Mediengeschäft. Anders ausgedrückt: Protektion durch die Kreml-Führung öffnen ihr Türen, die anderen Medien verschlossen bleiben. Hinter ihrer vermeintlich kritischen journalistischen Haltung verbirgt sich jedoch eine gehörige Portion Konformismus. Doch auch ihr sind Grenzen gesetzt.
2024 verurteilte ein Moskauer Gericht drei Mitarbeiter von Sobtschaks Medienholding zu mehrjährigen Haftstrafen. Sie sollen Putins treuen Weggefährten Sergej Tschemesow erpresst haben, so die Anklage. Sobtschak dankte Putin später öffentlich dafür, dass sie ihrer Arbeit nachgehen könne und nicht im Gefängnis sitze.
Dass Sobtschaks System auf in Russland blockierten Plattformen wie Youtube und Telegram weiterhin funktioniert, liegt daran, dass immer mehr Menschen für den Zugang zu blockierten Webinhalten VPN-Dienste nutzen. Doch auch dagegen geht der Kreml vor, so dass frei zugängliche russische Soziale Medien wie Vkontakte oder die Videoplattform Rutube deutlich an Attraktivität gewinnen. Noch jedenfalls bieten insbesondere Telegram-Kanäle vielfältige Optionen, sich anhand der unterschiedlichsten Informationsquellen ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Man muss es nur wollen.




