Die Inseln von Kap Verde wurden im 16. Jahrhundert christianisiert. Heute gilt das Bistum Santiago als ältestes der Tropen. Auf den Ruinen der Kolonialgeschichte wird der Glaube für eine neue Generation fortgeschrieben.
Text und Bild: Frida Nsonde/KNA
Sonntagsgottesdienst in der Altstadt von Praia, der Hauptstadt Kap Verdes. Während die letzten Gläubigen in ihrer Sonntagskleidung eintrudeln, läuft ein Straßenmusiker durch die Bankreihen und gibt ein Lied auf seiner Gitarre zum Besten – bevor er schließlich hinausgeworfen wird. Dann zieht Bischof Teodoro Mendes Tavares mit den Messdienern ein. Die Messe beginnt.
Nach der Kommunion wagen sich dann die Kleinen der Gemeinde nach vorne. An der einen Hand einen Erwachsenen, in der anderen Schultaschen in allen Formen und Farben. Heute spendet der Bischof den Segen für Schulanfänger. Teodoro Mendes Tavares ist dabei nicht Bischof von einem beliebigen Bistum: Die Diözese von Santiago ist die vermutlich älteste ihrer Art in Afrika südlich der Sahara.
Gegründet wurde das Bistum im Jahr 1533 in Cidade Velha (damals Ribera Grande genannt), der ersten Siedlung des heutigen westafrikanischen Archipels Kap Verde, nachdem es aus dem portugiesischen Bistum Funchal herausgelöst worden war. Das Zuständigkeitsgebiet des Bistums von Santiago umfasste damals zunächst noch weitere Teile des portugiesischen Kolonialreichs an der westafrikanischen Küste.
Die Inseln von Kap Verde waren Mitte des 15. Jahrhunderts ins Visier portugiesischer Seefahrer geraten, die die zuvor mutmaßlich unbewohnten Inseln zu einem bedeutenden Knotenpunkt im transatlantischen Sklavenhandel machten. Die Bevölkerung auf den trockenen, unwirtlichen Inseln entstand somit aus einigen europäischen Händlern und Siedlern und maßgeblich Sklaven.
Die Altstadt von Cidade Velha (dt: „alte Stadt“) zählt mittlerweile zum Unesco-Weltkulturerbe. Die Kirchen hier zeugen von den Anfängen des Christentums und der Missionierung während der portugiesischen Kolonialzeit.
Am Rande der Straße zu den Ruinen sitzt ein fast zahnloser Mann über seine Bibel gebeugt. Am Zugang zu dem, was von der ehemaligen Kirche Nossa Senhora da Conceição noch übrig ist, händigt ein Mütterchen in Marktschürze dann das Ticket aus, bevor Guide Carlos Correia die Geschichte der Stätte erzählt. „Dies sind die Ruinen der ältesten Kirche des Landes. Sie wurde zwischen 1466 und 1472 erbaut und 2006 wiederentdeckt.“
Einige Jahre später folgten Ausgrabungen in Kooperation mit Archäologen der Universität Cambridge. Laut diesen handelt es sich bei der Stätte um die älteste europäische Kirche in den Tropen.
Kap Verde wurde sogar von einem Papst besucht
In Praia werden derweil die größten Gottesdienste in der Kirche des Pfarrzentrums abgehalten. Denn die Hauptkirche des Bistums, Nossa Senhora da Graça, direkt neben dem Justizpalast, wird seit Anfang dieses Jahres restauriert. Von außen lässt sich das an einem blauen Wellblechzaun erkennen. Innen wird schrittweise den Fenstern, Ornamenten und Böden neues Leben eingehaucht.
Diese Kirche wurde erst im späten 19. Jahrhundert erbaut. Hier befindet sich das Grab des ersten einheimischen Bischofs, Paulino Évora. Er folgte auf eine Reihe von hauptsächlich portugiesischen Amtsinhabern, von denen wiederum viele zunächst selbst nicht in ihrem Bistum residierten. Es sollte bis zur Unabhängigkeit Kap Verdes 1975 dauern, bis ein kapverdischer Bischof ernannt wurde.
Am 25. Januar 1990 dann erwies ein besonderer Besucher der Nossa Senhora da Graça die Ehre: Papst Johannes Paul II. Auf einer Afrika-Reise besuchte der Pontifex gleich drei der neun bewohnten kapverdischen Inseln. Es war der erste Besuch eines Papstes im Land – ein bedeutender Moment in der religiösen Geschichte Kap Verdes. Heute erinnert ein Johannes Paul II. gewidmetes Denkmal in der Hauptstadt Praia daran.
Am Montag nach dem Sonntagsgottesdienst wird der Segen für die neuen Schulanfänger bereits auf die Probe gestellt: Um zehn Uhr morgens beginnt in der Grundschule Graça da Criança direkt am Pfarrheim der sprichwörtliche Ernst des Lebens. Auf dem Schulhof, beobachtet von den Kindern aus dem angegliederten Kindergarten, versammeln sich die Klassen 1 bis 4 für die Begrüßung durch Pater Luis, den Direktor.
„Wer von euch kennt K-Pop Demon Hunters?“, fragt der, nachdem er das Kollegium vorgestellt hat. Die meisten Arme in den hellblauen Schuluniformen schießen in die Höhe. Und nach dem Tanzen zu einem Song des weltweit gefeierten Animationsfilms aus dem Jahr 2025 ermutigt Pater Luis die Kinder, ebenso wie die drei Hauptfiguren zu sein: diszipliniert, empathisch und hilfsbereit.
Als Schule mit christlichem Fundament werde hier nicht nur Wert auf die Vermittlung von Wissen gelegt, sondern auch auf die von Werten, erläutert Pater Luis in seinem Büro. „Deshalb wollen wir dieses Schuljahr tägliche Staatsbürger-Minuten einführen.“ Jeden Tag sollen sich die Klassen ein paar Minuten Zeit nehmen, um ein Thema des Monats zu besprechen. Zum Abschluss der Einheit soll dann ein Experte oder eine Expertin aus dem jeweiligen Fachgebiet zum Gespräch eingeladen werden.
Den Auftakt macht jetzt im Oktober das Thema Schöpfung. „Es geht um die Sorgfalt, die die Kinder gegenüber ihrem Zuhause, den Pflanzen und Tieren an den Tag legen sollen, um die Gnade zu erkennen, die Gott uns geschenkt hat“, erklärt der Pater. „In diesem Sinne können wir vielleicht auch etwas gegen den Klimawandel tun und zu einer besseren Welt beitragen.“
Im Jahr 2033 wird das Bistum von Santiago sein 500-jähriges Bestehen feiern. Vergangenheit und Zukunft liegen hier nah beieinander. Die neue Generation wächst in eine Gemeinde hinein, die es ohne die bitteren Seiten der Geschichte wohl kaum in dieser Form geben würde. Ältestes Bistum in einem nicht-christlichen Gebiet wird man schließlich nicht ganz ohne Zwang.
Doch Pater Luis ist vor allem stolz auf die lange Tradition des Bistums. „Dies ist vielleicht die älteste Institution auf den Kapverden“, sagt er. „Sie hat zweifelsfrei Spuren in unserer gesamten Kultur hinterlassen, die wir bis heute noch spüren.“






