Erzbischof Ricardo Centellas galt als einer der einflussreichsten Kirchenvertreter Boliviens. Nun erlag er im Alter von gerade einmal 63 Jahren einem Herzinfarkt. Die ganze Nation ist bestürzt.
Text: Tobias Käufer/KNA | Bild: Romano Siciliani/KNA (Archiv 2019)
Die katholische Kirche in Bolivien trauert um einen ihrer engagiertesten gesellschaftlichen Vertreter. Erzbischof Ricardo Centellas von Sucre erlag am Donnerstag im Alter von 63 Jahren – völlig überraschend – den Folgen eines Herzinfarktes. Die Bischofskonferenz der Andennation teilte mit, der Primas von Bolivien habe zuvor an den Jubiläumsfeierlichkeiten der katholischen Universität in Oruro teilgenommen.
Centellas gehörte zu jenen Kirchenvertretern in Südamerika, deren Stimme medial immer wieder wahrgenommen wurde. Das lag auch daran, dass sich der 1962 in einem südbolivianischen Dorf geborene Geistliche stets auf die Seite der Demokratie stellte.
Als der linkspopulistische Präsident Evo Morales 2017 sein Versprechen brach und verfassungswidrig eine erneute Kandidatur durchsetzte, warnte Centellas als damaliger Bischof von Potosí, man könne nicht zulassen, dass sich der Populismus Stück für Stück in eine Diktatur verwandle. Damals sprach er auch in seiner Eigenschaft als Vorsitzender der Bolivianischen Bischofskonferenz.
Als in der Endphase der Präsidentschaft des Sozialisten Luis Arce 2024 die Wirtschaft des Landes in eine schwere Krise geraten war, forderte Centellas Politik und Gesellschaft auf, an einem Strang zu ziehen. Dabei sei es erst einmal nötig, sich der Wahrheit zu stellen. „Viele Behörden sagen uns, dass alles in Ordnung sei – aber es ist nichts in Ordnung“, sagte er seinerzeit und sprach damit vielen Landsleuten aus der Seele. Centellas nahm so immer wieder Sorgen und Nöte der bolivianischen Bevölkerung auf und sorgte dafür, dass sie die Mächtigen zu hören bekamen.
Im vergangenen Jahr, nachdem Boliviens Linke nach fast 20 Jahren verschiedener sozialistischer Regierungen klar abgewählt worden war, forderte der Erzbischof vor der Stichwahl die verbliebenen rechtsgerichteten Kandidaten zu einem Versöhnungskurs auf: „Es wird so viel über die aktuellen Kandidaten gesprochen, dabei ist es in Bolivien doch vor allem wichtig, dass wir uns einigen.“ Mehr als 60 Prozent der Bolivianer hätten für einen Wandel gestimmt, für Sicherheit und Verantwortungsbewusstsein. „Bislang haben wir davon noch nichts gehört“, so Centellas‘ Kritik.
Zuletzt äußerte er sich anlässlich der Unabhängigkeitsfeiern, die in vielen lateinamerikanischen Ländern traditionell eine große Rolle spielen. Im Beisein des christdemokratischen Präsidenten Rodrigo Paz bezog Centellas im August zur anhaltenden innenpolitischen Krise Stellung. Angesichts von Straßenblockaden wegen hoher Spritpreise sagte er: „Ich glaube, dass keine Regierung die Krise lösen kann, aber jeder kann etwas tun, um sie zu lindern. Wir dürfen nicht tatenlos zusehen, wie sich die Krise entwickelt.“
Mit dem Tod von Centellas endet nicht nur eine eindrucksvolle kirchliche Laufbahn. Bolivien verliert einen Mahner, eine politisch niemals einseitige Stimme des gesunden Menschenverstands. Wie kein Zweiter vermochte er es, zur rechten Zeit genau das auszudrücken, was die Bevölkerung umtrieb. Er wird fehlen.






