In einem Aschenbecher liegt eine durchgebrochene Zigarette am 25. Mai 2026 in Bonn. Bild: Claudia Riedel/KNA

Tabak macht nicht nur Raucher krank – Auch Kinder auf Plantagen

Malawi lebt vom Agrarexport; Tabak macht über die Hälfte davon aus. Auf den Plantagen werden oft auch Kinder eingesetzt. Nun bedroht der weltweit sinkende Konsum ein Geschäftsmodell mit zahlreichen Nebenwirkungen.

Text: Stefanie Ball/KNA | Bild: Claudia Riedel/KNA

Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens sind bekannt – unter anderem ein vielfach erhöhtes Risiko für Krebs und Herzinfarkt. Weniger sichtbar sind die Arbeitsbedingungen: Lange bevor die Zigarette angezündet wird, beginnt ihre Geschichte tausende Kilometer entfernt. Fachleute kritisieren immer wieder, dass Farmer in vielen Regionen ausgebeutet werden, darunter auch Kinder.

Der weltweit größte Erzeuger von Rohtabak ist mit 2,3 Millionen Tonnen jährlich China, gefolgt von Indien (727.000 Tonnen) und Brasilien (638.000 Tonnen). Gemessen an seiner eigenen Größe nimmt aber ein anderes Land eine Spitzenstellung ein: Malawi, ein kleines Binnenland im Südosten Afrikas, das zu den ärmsten Volkswirtschaften der Welt zählt. Die Wirtschaft hängt stark vom Export von Agrarprodukten ab, wobei Rohtabak 55 Prozent der Gesamtexporte des Landes ausmacht. Hauptexportpartner ist die EU.

Die Internationale Arbeitsorganisation ILO hat sich die Lebens- und Arbeitsbedingungen malawischer Kleinbauern angesehen. In einem 2024 veröffentlichen Report kommt sie zu dem Schluss, dass das Pachtsystem im Tabakanbau zu einer großen Abhängigkeit der Bauern führt. So erhalten sie zwar Land, Saatgut, Pflanzenschutzmittel, Dünger sowie Wohnraum und Mais zur Versorgung ihrer Familien. Die Kosten dafür würden jedoch häufig von den zukünftigen Einnahmen abgezogen.

Das bedeutet: Wenn die Aufwendungen die Einnahmen übersteigen, droht den Pächtern und ihren Familien laut ILO eine Schuldknechtschaft. Hinzu kommt, dass häufig schon Kinder auf den Farmen arbeiten. Zum Zeitpunkt der ILO-Untersuchung, also 2022, waren es in Malawi mehr als 32.000. Viele von ihnen brechen die Schule ab, wenn sie älter werden. Nur jeder dritte Pächter verfügt über einen Arbeitsvertrag, wobei es sich dabei häufig um mündliche Vereinbarungen handelt.

Ist die Saison vorbei, müssen sich die Bauern Übergangsbeschäftigungen suchen. Die Arbeit gilt als schwer und gefährlich – laut ILO müssen Lasten getragen sowie schweres Gerät bedient werden; überdies sind die Menschen gefährlichen Chemikalien, Stäuben und Dämpfen ausgesetzt. Über angemessene Schutzkleidung verfügen nicht alle Arbeiter. Aufgrund ihres niedrigen Bildungsstandes – rund ein Drittel der Bevölkerung Malawis ist nicht alphabetisiert – seien sich die Menschen dieser Gefahren allerdings oft nicht bewusst.

Was die Tabakkonzerne dazu sagen? Imperial Brands beispielsweise, eines der weltweit größten Tabakunternehmen mit Sitz im britischen Bristol, zu dem auch der deutsche Tabakkonzern Reemtsma gehört, bezieht nach Aussage eines Unternehmenssprechers seinen Tabak weitgehend von Drittanbietern. Der überwiegende Teil davon stamme von zwei internationalen Lieferanten – Universal Leaf und AOI/Pyxus International. 2025 kam der Tabak demnach aus rund 30 Anbauländern.

Viele Menschen haben keine andere Wahl

Für die Lieferanten von Imperial Brands existiert ein Verhaltenskodex. Darin heißt es unter anderem: „Lieferanten dürfen keine Kinder unter dem Alter von 13 Jahren beschäftigen und keine Person, die jünger ist, als das lokal geltende gesetzliche Mindestalter für die Erwerbstätigkeit.“

Bedeutet im Umkehrschluss: Der Kodex verbietet Kinderarbeit ab 13 Jahren nicht explizit; die UN-Kinderrechtskonvention definiert Kinder als Menschen unter 18 Jahren. Die wiederholte Nachfrage der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA), wie das zum selbst erklärten Ziel passt, Kinderarbeit aus dem Tabakanbau zu eliminieren, lässt der Konzern unbeantwortet.

„Die ILO ordnet die Arbeit von Kindern auf Tabakfeldern als eine der schlimmsten Formen der Kinderarbeit ein. Damit liegt sie richtig“, sagt Sonja von Eichborn. Sie hat die Projektleitung bei Unfairtobacco, ein seit 2004 bestehendes Projekt der Berliner Landesarbeitsgemeinschaft Umwelt und Entwicklung, das sich für eine tabakfreie Welt einsetzt. Die Arbeit sei körperlich schwer, die Kinder kämen mit hochgiftigen Pestiziden in Kontakt und könnten sich am Nikotin aus den Blättern vergiften.

„Genau das Nikotin, vor dem wir hier in Deutschland als Suchtstoff warnen und von dem wir wissen, dass es die Entwicklung des jungen Gehirns behindert“, kritisiert von Eichborn. Sie betont, dass der vertragliche Rahmen zwischen Konzern und Farmern von starker wirtschaftlicher Abhängigkeit geprägt sei. „Die Menschen haben oft keine Wahl, als zu unterschreiben und trotzdem die ganze Familie zu beschäftigen.“

Die starke Abhängigkeit vom Tabakanbau bekommen Malawis Kleinbauern in diesem Jahr indes besonders zu spüren: Der Absatz stockt. Die ohnehin schon niedrigen Preise liegen aktuell bei rund zwei US-Dollar pro Kilogramm Rohtabak, wie die Online-Zeitung „Nyasa Times“ im Juli berichtete.

Die Bauern fühlten sich getäuscht, seien die extrem niedrigen Erlöse doch in der Vergangenheit immer mit einem Überangebot begründet worden. Dass Anti-Raucher-Kampagnen in anderen Teilen der Welt Wirkung zeigen, der Zigarettenkonsum sinkt und Tabakkonzerne ihr Angebot in Form von „alternativen“ Nikotinprodukten diversifizieren, so die Zeitung, werde Malawi zum Verhängnis.

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