Vor 50 Jahren passierte in Südafrika das Unfassbare: Polizisten schossen auf Schüler; Hunderte Menschen starben. Trauer und Schmerz wirken bis heute nach. Dennoch war der Schüleraufstand von Soweto der Anfang vom Ende.
Text: Katrin Gänsler/KNA | Bild: Nicola Trenz/KNA
Es ist eines der ikonischen Bilder aus Südafrika. Doch dieses Schwarz-Weiß-Foto zeigt nicht etwa die Anti-Apartheids-Helden und Friedensnobelpreisträger Nelson Mandela oder Bischof Desmond Tutu, sondern den zwölfjährigen Hector Pieterson – getragen von einem Mann namens Mbuyisa Makhubo, in dessen Armen der Schüler gerade stirbt. Daneben die fassungslose Schwester Antoinette. Es ist das zentrale Bild des Schüleraufstands von Soweto. Dieser läutete am 16. Juni 1976 das Ende der Apartheid ein.
Südafrika in den 1970er Jahren. Das Land am Kap der guten Hoffnung ist ein Sehnsuchtsort: Es hat eine Küste von knapp 2.800 Kilometern Länge, den imposanten Tafelberg, fruchtbares Farm- und Weideland, seit Jahrhunderten erlesene Weine, eine überwältigende Natur und in gleich mehreren Nationalparks The Big Five – und dann dieses milde Klima. Was für ein traumhaftes Land.
Davon profitierten aber nur Weiße, denn es herrschte strikte Segregation. Der Alltag der Schwarzen Menschen sah komplett anders aus: Zwangsumsiedlungen und ein Leben in prekären Verhältnissen, kein Recht auf Bildung oder Meinungsfreiheit, mangelnden Zugang zum Gesundheitssystem, überall Beschimpfungen, Hass, Diskriminierungen.
Dabei waren es die Vorfahren der Weißen, die einst eingewandert waren – und zwar teilweise bereits vor mehreren Jahrhunderten; Südafrika auch für sie längst Heimat. Sie brachten ihre Religion, Traditionen und ihre Sprachen mit, vor allem Englisch und Niederländisch, aus dem zunächst das Kap-Niederländisch, dann das bis heute gesprochene Afrikaans wurde.
Genau diese Sprache löste den Schüleraufstand aus, dessen Wurzeln aber weit tiefer lagen. In dem Land, das laut Ethnologue heute 20 gesprochene Sprachen zählt, davon zehn indigene, sprachen Schwarze Menschen zwar längst Afrikaans. Doch die Jungen wollten 1976 nicht hinnehmen, dass „die Sprache der Unterdrücker“ zur alleinigen Unterrichtssprache wird. Schon zuvor waren ihre Zukunftschancen zunehmend eingeschränkt worden, etwa durch den Bantu Education Act aus dem Jahr 1953.
Das Gesetz zwang Schwarze Schüler unter anderem zum Besuch staatlicher Schulen; zuvor konnten sie auch Missionsschulen besuchen. Ziel war es, sie für niedere Tätigkeiten auszubilden. Lernen sollten sie aber vor allem eins: Unterwürfigkeit.
Den Weg zum Schüleraufstand von Soweto bereitete schon ab Ende der 1960er Jahre die Anti-Apartheid-Bewegung Black Consciousness um Steve Biko (1946-1977). Bereits Monate vor dem Schulaufstand boykottierten Schüler sporadisch den Unterricht; im Mai waren es bereits ganze Schulklassen.
Dass der Ort des Geschehens ausgerechnet Soweto, kurz für South Western Townships, am Stadtrand von Johannesburg war, ist keine Überraschung. Es wurde während der Apartheid zum größten Wohngebiet für Schwarze Menschen, die man vor allem nicht im „weißen Johannesburg“ haben wollte.
Hohe Opferzahlen
Dann kam der 16. Juni 1976: Schüler verschiedener Schulen zogen mit Slogans wie „Zur Hölle mit Afrikaans“ und „Nieder mit dem Bantu Education Act“ durch die Straßen. Ziel der Protestzüge war das Orlando Stadion. Immer mehr Jugendliche schlossen sich an – konservativ geschätzt füllten mindestens 10.000 die Straßen. Doch dann: Polizei und kein Weiterkommen mehr zum Stadion, Tränengas, Schüsse, Tote, Verletzte, Panik – und landesweite Solidarität. In den folgenden Tagen gingen überall im Land vor allem Schüler auf die Straße, bis der Protest nach und nach abebbte.
Längst nicht alles wurde anschließend rekonstriert. Im Abschlussbericht der Cillié-Kommission, benannt nach dem Vorsitzenden Richter Petrus Malan Cillié, war die Rede von 575 Toten infolge der Proteste; 3.907 wurden verletzt. Tatsächlich dürfte die Opferzahl weitaus höher gelegen haben, doch viele Menschen sprachen anschließend aus Angst vor Repressionen nicht über ihre Teilnahme.
Sicher ist jedoch: Hector Pieterson gehörte zu den ersten Todesopfern. Sein Sterben hielt der Fotograf Sam Nzima fest. Die Bilder zeigten weltweit, wie rassistisch es am Kap der guten Hoffnung zugeht; das ohnehin schon ramponierte internationale Ansehen – Südafrika war beispielsweise ab 1964 bis zum Ende der Apartheid von den Olympischen Spielen ausgeschlossen – verschlechterte sich weiter.
Im Land selbst erhielt die Befreiungsbewegung ANC, der African National Congress, zunehmend Zulauf von jungen Menschen. Der ANC verschärfte seinen bewaffneten Kampf, gleichzeitig geriet das Regime immer mehr ins Wanken. 1990 hob Präsident Frederik Willem de Klerk schließlich das ANC-Verbot auf; am 11. Februar wurde Nelson Mandela nach 27 Jahren aus dem Gefängnis entlassen.
Gut vier Jahre später, am 25. April 1994, wurde er Präsident der gerne bezeichneten Regenbogennation, die aktuell wieder mit fremdenfeindlichen Ausschreitungen Schlagzeilen macht. Seit knapp zwei Jahrzehnten kommt es regelmäßig zu Gewalt gegen Einwanderer aus anderen afrikanischen Ländern; Menschen werden durch Straßen gejagt, Geschäfte verwüstet. Dutzende Personen sind bisher ums Leben gekommen.
Und Hector Pieterson? Das gleichnamige Denkmal in Orlando West in Soweto erinnert heute an ihn, und das Museum zur Geschichte der Apartheid nebenan trägt Pietersons Namen wie auch Schulen und Straßen im Land.
Regelmäßig über den Schüleraufstand von Soweto spricht auch Antoinette Pieterson, die heute Sithole heißt. Auf der Homepage des Weißen Hauses ist ein Foto zu sehen, wie sie die frühere First Lady der USA, Michelle Obama, durch das Museum führt. Einer Journalistin sagte Sithole vor einigen Jahren, heute wollten sie Schüler berühren und überprüfen, ob sie echt sei. „Sie finden die Geschichte unfassbar.“ Gleichwohl werden sie jährlich am 16. Juni daran erinnert; das Datum wurde zum Jugendtag, der gesetzlicher Feiertag in Südafrika ist.


