Amadou, Jugendlicher aus Yaounde, spricht am 5. Februar 2026 im Bildungszentrum Foyer de l'Espérance in Yaounde (Kamerun). Bild: Katrin Gänsler/KNA

Amadou aus Kamerun – Ein Straßenkind kämpft sich nach oben

Ein Siebenjähriger, der abhaut und auf der Straße lebt. Das ist die Geschichte von Amadou. Knapp zehn Jahre später lernt der Teenager und will Jurist werden. Er hatte Glück, aber vor allem Mut und Selbstvertrauen.

Text und Bild: Katrin Gänsler (KNA)

Er ist selbstbewusst und hat Selbstvertrauen. Amadou spricht vor Dutzenden Jungen, die ungefähr so alt sind wie er. Im Versammlungsraum des Foyer de l’Espérance in Kameruns Hauptstadt Yaoundé – es ist ein Zentrum für Straßenkinder – erklärt er, wie wichtig Bildung ihm ist, dass er gerne lernt und Ideen für seine Zukunft hat. Und klar – diese soll gut und erfolgreich sein.

Doch nicht nur den Teenagern, die er seit Jahren kennt, sagt der hochgewachsene, schlaksige 16-Jährige das. In dem Raum, in den die Morgensonne fällt, sitzen auch Besucherinnen und Besucher aus Deutschland, darunter Freiburgs Erzbischof Stephan Burger und der Hauptgeschäftsführer von Misereor, Andreas Frick. Amadou, der nur mit seinem Vornamen erwähnt werden möchte, macht das weder schüchtern noch unsicher – im Gegenteil.

Denn der Schüler weiß, wie viel er in den vergangenen Jahren erreicht hat. Seine Familie stammt aus der Region Adamaoua im Norden Kameruns, wo sie von der Landwirtschaft lebt und Kinder vor allem dazu da sind, um zum Familieneinkommen beizutragen. „Es ist die ärmste Gegend Kameruns“, erzählt Amadou, als er am nächsten Morgen auf der Terrasse des Zentrums sitzt. Längst ist wieder Ruhe eingekehrt; die meisten seiner Kameraden sind schon früh in der Schule.

Wie er aus dem Norden in die Hauptstadt von Kamerun gekommen sei, sei eine lange Geschichte. Einfach sei das Leben zu Hause nicht gewesen, sagt Amadou und wird ungewohnt wortkarg. „Jedenfalls bin ich abgehauen, obwohl ich gar nicht wusste, wohin ich gehen sollte.“ Damals sei er sieben Jahre alt gewesen, ein Alter, in dem man Kindern anderswo auf der Welt niemals den Weg zur Grundschule um die Ecke alleine zutrauen würde.

Nach zwei Jahren im Osten Kameruns kam Amadou schließlich nach Yaoundé und schloss sich anderen Jungs an, die ebenfalls auf der Straße lebten. Tatsächlich fallen am Straßenrand immer wieder Kinder auf, die höchstens im Grundschulalter sind.

Nach Angaben von Tobian Noubaïssem, der das Foyer de l’Espérance leitet, steigt die Zahl in allen größeren Städten Kameruns aus mehreren Gründen: „Anhaltende Armut, Familienzerfall, häusliche Gewalt, Landflucht und der eingeschränkte Zugang zu Bildung und sozialen Diensten treiben Kinder und Jugendliche auf die Straße.“

Ein Beispiel, das Hoffnung macht

Besser ist es dort allerdings nicht, beschreibt der Jesuit die prekären und extremen Lebensbedingungen. Kinder erlebten Ausbeutung, körperliche und sexuelle Gewalt, Kriminalität. Es komme zu Drogenkonsum und schweren Gesundheitsproblemen. „Die Straße wird zu einem Ort des Überlebens“, sagt Noubaïssem. Die Entwicklung der Kinder, ihre Zukunft und Würde seien massiv beeinträchtigt.

Die Gefahren und Herausforderungen für Straßenkinder sind weltweit ähnlich. Wie viele Minderjährige es gibt, die ihren Lebensmittelpunkt auf der Straße haben, ist unklar, schreibt das Consortium for Street Children, ein Netzwerk von Organisationen, das sich für die Rechte von Straßenkindern einsetzt. Seit vielen Jahren wird die Zahl 100 Millionen genannt. Fehlende Daten liegen laut Netzwerk unter anderem daran, das Kinder unsichtbar sind und es anders als bei Haushaltszählungen keine Orte gibt, an denen sie verlässlich erfasst werden können. Zumindest ein bisschen Sichtbarkeit erhalten die Mädchen und Jungen am 12. April, dem internationalen Tag der Straßenkinder.

Amadou erinnert sich nicht gerne an den anstrengenden Alltag. Doch dann bekam er den Tipp, einen Treffpunkt für Straßenkinder am Busbahnhof zu besuchen. Die Mitarbeitenden schickten ihn ins Foyer de l’Espérance, das es bereits seit 1977 gibt. Hier ist er jetzt zu Hause, geht zur Schule und spielt in der Freizeit am liebsten mit seinen Freunden Basketball oder Fußball.

Verbessert hat sich auch das Verhältnis zu seiner Familie. Zwar verstünden noch immer nicht alle, warum er in Yaoundé zur Schule gehe und nicht auf den Feldern mithelfe. „Aber wir haben Kontakt, und ich fahre einmal im Jahr hin.“

Die Familienzusammenführung unterstützt das Zentrum, wenn sie möglich ist. Vor allem wolle es den Kindern aber Schutz und Sicherheit bieten, sagt Noubaïssem. Auch unterstützten die Mitarbeitenden die Wiedereingliederung in die Schule oder den Start ins – in Kamerun oft schwierige – Berufsleben. „Vor allem aber ist es wichtig, Würde, Selbstvertrauen und Hoffnung wiederherzustellen, damit die Kinder ihr Leben selbst in die Hand nehmen können.“

Dafür hat Amadou längst konkrete Pläne. Noch zwei Jahre braucht er bis zum Abitur. Danach möchte er studieren und Jurist werden. „Ich rede so gerne vor anderen“, sagt er und grinst. Zu sagen hat er jedenfalls viel.

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