Der chaldäische Patriarch wurde nicht müde, Missstände in seinem Land, aber auch in seiner eigenen Gemeinschaft anzuprangern. Nun tritt der Kardinal, der stets für Demokratie und Gleichberechtigung wirbt, in den Ruhestand.
Text: Andrea Krogmann (KNA) | Bild: Stefano Dal Pozzolo/Romano Siciliani/KNA
Seit 2013 leitete Louis Raphael I. Sako als Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche eine Ostkirche, die weit zurück in die Anfänge des Christentums reicht. Ihr Zentrum liegt im heutigen Irak. Hauptaufgabe des Patriarchen ist, das Überleben der kleinen christlichen Schar im Irak zu sichern. Islamistischer Terror, eine instabile Sicherheitslage, wirtschaftliche Perspektivlosigkeit und Ressentiments in der muslimischen Mehrheitsgesellschaft machen den Christen schwer zu schaffen. Nun nahm am Dienstag Papst Leo XIV. den Amtsverzicht des Patriarchen mit 77 Jahren an.
Wiederholt hatte Sako in der Vergangenheit betont, er erwäge, dem Papst mit 75 Jahren seinen Amtsverzicht anzubieten. Als Patriarch einer katholischen Ostkirche ist er dazu nicht verpflichtet – anders als seine römisch-katholischen Amtsbrüder. Er vermisse eine angemessene „Kultur des Abschieds“ bei den Orientalen, ob in Kirche oder Politik, erklärte er. Ob er da mit gutem Beispiel vorangehen könne, das werde er von der Lage seiner Herde abhängig machen.
Im nordirakischen Zakho an der Grenze zur Türkei geboren, studierte Sako in Mossul am Theologischen Seminar des Dominikanerordens und wurde 1974 zum Priester geweiht. 1979 begann er weitere Studien am Päpstlichen Orientalischen Institut in Rom, wo er in orientalischer Patristik promoviert wurde. Einen weiteren Doktorgrad erwarb er in Geschichte an der Pariser Sorbonne.
Von 1986 an wirkte Sako in Mossul als Gemeindepfarrer. Zwischen 1997 und 2002 war er Rektor am Priesterseminar in Bagdad. 2002 wurde er, der neben Aramäisch, Arabisch, Französisch, Englisch und Italienisch auch Deutsch spricht, zum Erzbischof von Kirkuk gewählt und im Folgejahr geweiht.
Patriarch der größten christlichen Kirche im Irak
Seit 2013 steht Sako, der bei seiner Wahl zum Patriarchen den Namen Louis Raphael I. wählte, an der Spitze der Chaldäer und damit der größten christlichen Kirche des Irak mit rund einer halben Million Mitgliedern. 2018 erhob ihn Papst Franziskus in den Kardinalsstand, in den höchsten Rang eines Kardinalbischofs, wie es für die Patriarchen der mit Rom verbundenen („unierten“) Ostkirchen üblich ist. Seit 2022 ist Sako Mitglied des vatikanischen Wirtschaftsrates, der das wirtschaftliche Handeln des Vatikans überwachen soll.
2023 zog sich Sako für einige Monate nach Erbil zurück, die Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, nachdem ein Streit zwischen dem muslimisch-sunnitischen Präsidenten Abdul Latif Raschid und der chaldäischen Kirche eskaliert war. Raschid hatte ein Dekret seines Vorgängers aufgehoben, das dem Patriarchen weitreichende Befugnisse zur Verwaltung chaldäischer Stiftungsangelegenheiten einräumte. Er hege keinen Groll, sagte Sako acht Monate später bei seiner Rückkehr an den historischen Amtssitz. Aber Fehler müssten korrigiert werden.
Das Drängen auf eine Änderung von Missständen zieht sich wie ein Roter Faden durch die Amtszeit des Patriarchen. Gegen Korruption, für Religionsfreiheit, gegen die Abwanderung von Christen aus ihrer Geburtsregion Nahost und für einen freien, demokratischen Irak mit gleichen Rechten für alle Bürgerinnen und Bürger erhob das Kirchenoberhaupt stets die Stimme. Auch forderte er eine Modernisierung des Islam.
Auch innerchristlich plädiert Sako für Gleichberechtigung; etwa, dass Fragen wie Ehe, Scheidung, Sorgerecht oder Erbschaft für Männer und Frauen gerecht gelöst werden müssten. Die Christen mahnt er zur Rückkehr zu ihren Werten – und zu Einheit, ohne die das Christentum im Nahen Osten dem Untergang geweiht wäre.
Er hoffe, dass der neue Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche nicht nur ein gediegener Theologe sei, der über Mut und Weisheit verfüge, erklärte Sako zum Abschied. Er wünscht sich jemanden, „der an Erneuerung, Offenheit und Dialog glaubt und zudem Humor besitzt“, so der Kirchenmann. „Ich bin zuversichtlich, dass Gott sich um seine Kirche kümmern wird.“






